Hörenswert

Jean-Philippe Rameau: „Nouvelles Suites de Pieces de Clavecin“. Erstmals kam Rameau, damals 19 Jahre alt, 1702 mit dem Theater in direkte Berührung, als er als Geiger eine Truppe begleitete. Später verhalf ihm die Bekanntschaft mit Voltaire zu einem ersten Opernauftrag (und auch zu einem Voltaire-Libretto), „Samson“. Am Ende enthielt sein Werkverzeichnis drei Dutzend musiktheatralische Arbeiten. Als eine Art Vorstufe im rein instrumentalen Bereich könnten die Divertissements angesehen werden, die Rameau – selber ein gefeierter Organist – für die weltliche Musik komponierte, eines versah er mit dem Untertitel „avec des remarques sur les differents genres de musique“. Charakterstücke also in Form von Teilen der damals gängigsten Form, der Suite aus Tanzsätzen. So sind zu hören die typischen Bewegungsmuster der Allemande, Courante, Sarabande, aber auch fast schon programmusikartige Virtuosenkunststücke wie „Les Trois Mains“, in dem große Intervallsprünge vortäuschen, das Stück sei von drei Händen – oben, in der Mitte, unten – gespielt oder „L’Enharmonique“, in dem Rameau seiner Vorliebe für skurrile harmonische Spielereien folgt. Alan Curtis spielt die Suitensätze auf einem nach alten Vorbildern gebauten Instrument mit manchmal rauschhaften, vor allem in den Verzierungskünsten sehr üppigen Klangstellungen, die durchaus angemessen scheinen den gewiß nicht unpompösen Attitüden in den Häusern der damaligen Pariser Finanzaristokratie, (deutsche harmonia mundi, Serie „Schola Cantorum Basiliensisdocumenta“, C 065–99 918)

Heinz Josef Herbort

Geduldig und Thimann: „Mojschele Majn Frajnd“. Man macht schon vor dem ersten Ton eine seltene Erfahrung: daß man neugierig wird allein beim Betrachten der Farbphotos auf den vier Plattentaschenseiten, von hinten angefangen, wo „di ganze Mischpoche“, die im ersten Lied zitiert ist, eine große Familie also, am weiß gedeckten Tisch sitzt und singt. Es „klingt asoj schejn“, wie man es dann auch hört, schön deswegen, weil offenbar alles an dieser Schallplatte stimmt: der Gesang, die Begleitung mit Geige, Klarinette, Akkordeon, Gitarre. Nichts wirkt gekünstelt, nichts abgezirkelt, nichts gemacht, alles ist lebendig, und das heißt hier witzig, melancholisch, lebenserfahren und verliebt, alltäglich und patriotisch. Die Texte der zwölf jiddischen Lieder sind allesamt abgedruckt, die wichtigsten Vokabeln, die zum Verstehen notwendig sind, übersetzt. Das andere erledigt eines jeden Hörers Phantasie. (Mandragora/Intercord INT 160.137, MC INT 460.137) Manfred Sack