Möchten Sie wirklich in der Haut eines Staatsmannes stecken, der vor einer schweren Entscheidung steht? Dann stellen Sie sich bitte vor, wie das ist, wenn der Staatsmann morgens die Augen aufschlägt und gleich wieder schließen möchte, weil er ahnt: Das wird wieder ein fürchterlicher Tag. Und diese Ahnung trügt nicht!

Sein Chefberater betritt nämlich mit besorgter Miene das Arbeitszimmer: „Haben Sie Ihre Entscheidung getroffen? Wenn ja, wie lautet sie?“ – „Haben Sie es wieder eilig“, erwidert der als Morgenmuffel bekannte Staatsmann gereizt. „Von welcher Entscheidungsprechen Sie überhaupt?“

„Die, von der wir gestern dauernd geredet haben.“ – „Ach die“, tut der Staatsmann unschuldig, „hat das nicht noch ein bißchen Zeit?“

„Ja, bis heute abend“, sagt der Chefberater unerbittlich. Der Staatsmann stößt einen tiefen Seufzer aus. „Daß Sie mir immer mit so was kommen müssen, schon am frühen Morgen, das ist bei Ihnen der reine Sadismus.“

„Gestern abend wollten Sie auch nichts davon hören...“ – „Weil Sie mir damit mitten in das Essen mit dem algerischen Außenminister hereinplatzen“ – „Das Essen galt als Arbeitsessen!“ gibt der Chefberater zu bedenken. – „Der Arzt ist strikt dagegen, daß ich beim Essen arbeite. Ich werde das ganze Problem noch mal überschlafen.“ – Dem Chefredakteur läuft es kalt über den Rücken. „Pardon“ – aber genau das haben Sie schon gestern gesagt.“ – „Mag sein, aber letzte Nacht konnte ich überhaupt nicht schlafen – wegen der Sache. Dabei habe ich mich entschlossen... Vielleicht sollte man erst einmal sehen, wie die Dinge laufen.“

„Laufen?“ lacht der Chefberater böse auf. „Wegen dieser Sache ist bei uns alles zum Stillstand gekommen“.

Darauf versinkt der Staatsmann in tiefes Brüten. „Mmm, das haben Sie schön hingekriegt. Da fehlt nur der Hinweis, wie Sie sich entscheiden würden.“ – „Wollen Sie meine ehrliche Meinung dazu hören?“ – „Nein“, wehrt der Staatsmann energisch ab, „die kann ich mir denken.“