Von Christa Rotzoll

Sollten Sie eigentlich kennenlernen“, so rühmt ein Mann dem anderen eine Frau, „das ist ein Mensch, der, glaube ich, ohne es zu wissen, demonstriert, daß man ohne Lüge leben kann.“ Gemeint, gelobt ist Nina, die Hauptperson in Luise Rinsers Roman „Mitte des Lebens“, Copyright 1950..

Die gleiche Nina in einem Roman von 1957, in „Abenteuer der Tugend“, hier erläutert sie sich selbst: „Ich bin Schwierigkeiten kaum je ausgewichen, ich habe sogar eine tiefe Befriedigung darin gefunden, das Schwierigste zu tun.“

Selbstkommentar der Tagebuch-Autorin Rinser, die am 30. April 80 Jahre alt geworden ist: „Ich hatte nie irgendeine Sicherheit. Ich bin ein unsentimentaler Mensch, aber ich bin fähig, in einer winzigen Kreatur das Schicksal aller Kreaturen mitzuleiden.“ Und: „1941/42, nach dem Verbot meines ersten Buches, machte man mir verschiedene Angebote, wieder ins Geschäft zu kommen ... Damals hatte ich zwei kleine Kinder zu ernähren. Ich zog es vor, kein Geld zu haben, zu hungern und mein Gewissen rein zu halten.“ Aus „Grenzübergänge“, 1972.

„Ich bin für den echten Sozialismus, der eine religiöse Ausrichtung hat... Sie kennen doch meine Biographie ... Berufsverbot, Angst vor Hitler und der Staatspolizei, Bomben, Verlust eines Teils der Habe, Tod des jungen Ehemannes in einer Strafkompanie an der russischen Front, zwei ganz kleine Kinder zu ernähren...“ Aus dem Band „Hochzeit der Widersprüche“, einer Kollektion von Rinser-Briefen an Leser in Lebenskrisen, 1973.

Ein angesehener Schulreformer, dessen Name wohl auch deswegen verschwiegen wird, weil er sich später als Romanfigur erkennen mußte, als weit älteren Bewunderer der jungen Nina, hat 1932 an Luise Rinser geschrieben, er sehe und liebe in ihr eine unbezähmbare „Wildkatze“ und auch „das elbische Wesen“. Der eigenen Person, das heißt: dem Mädchen und der jungen Frau, die sie gewesen ist, bescheinigt die Autorin Rinser „politischen Instinkt“ und „Selbstkritik“, die „unbescheidene“, gleichwohl statthafte Vorstellung, im Ringen „zwischen Hell und Dunkel“ die Partei des Lichts mitanzuführen, ein „ungestörtes Verhältnis zum Tod“ und ein „Unverhältnis zu Geld und Besitz, angeborenen Kunstverstand und die auch „angeborene Unlust zu niederen Handlungen“, Mut, Hochmut und Verzichtbereitschaft. Das alles findet sich in –

Luise Rinser: „Den Wolf umarmen“; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1981; 414 S., 34,– DM.