Von Fritz J. Raddatz

An der Hamburger Universität gibt es das einzige Institut für Exilliteratur der Welt. Das auf der Welt einzige Institut für Exilliteratur wird es möglicherweise nicht mehr lange geben. Die reichste Stadt der Bundesrepublik – damit eine der reichsten dieser Erde – erweitert ihr U-Bahnnetz und baut sich einen neuen Rathausplatz. Einen angemessenen Platz für die Verbotenen und Verbrannten hat sie bis jetzt nicht angeboten. Im 14. Stock des „Philosophenturms“ der Universität kampieren in Räumen, die eher einem Schaubühnen-Bild von Karl-Ernst Herrmann ähneln, einige ratlose Studenten und eine „wissenschaftliche Hilfskraft“ mit dem sogenannten „KW“-Vermerk – „kann wegfallen“; einen Professor gibt es dort nicht.

Die eher rudimentäre Bibliothek – mit einem Jahresetat von 5000 Mark nachgerade lächerlich ausstaffiert – ist zweimal in der Woche geöffnet; für die rund 200 Studenten, die sich mit großem Ernst dieser „Unterdisziplin“ widmen, steht keine Bibliothekarin zur Verfügung. Der Lehrbetrieb, der Ausleihbetrieb, die Korrespondenz werden – assistiert von freiwilligen oder zeitweise bezahlten Studenten – von dem wissenschaftlichen Angestellten Jahn Hans aufrechterhalten, der sich dieser Arbeit unterzieht, seit Hans Wolfheim 1969/70 diese Arbeitsstelle für Exilforschung ins Leben rief. Seit die Forderungen nach Etaterhöhungen (etwa 7000 Mark für die Bibliothek) nicht akzeptiert wurden, hat sich der vor wenigen Jahren berufene Professor, Hans-Albert Walter, beurlauben lassen. Für ihn kam im „Leihverkehr“ der Tübinger Privatdozent Lutz Winkler, der seit anderthalb Jahren aushilft – aber nicht weiter aushelfen soll; denn: Hans-Albert Walter, durch seine Bücher zur „Deutschen Exilliteratur“ glänzend qualifiziert, hat das Handtuch geworfen. Was pensionsberechtigte deutsche Professoren selten tun – er hat gekündigt. Die Stelle soll neu ausgeschrieben werden. Lutz Winkler soll keinen „Vorgriff“ haben durch seine Präsenz. Der um diese Entwicklung durchaus besorgte Universitätspräsident Peter Fischer-Appelt erklärte der ZEIT, daß die Ausschreibung verbindlich sei. Das Institut solle unbedingt erhalten bleiben.

Das ist erfreulich – aber ist es genug? Um es gleich vorab zu sagen: Was sich hier seit Jahren anbahnt, ist eine Schande. Und die zuständigen Gremien seien aufgerufen, eine dem Thema gemäße, würdige und – warum eigentlich nicht: bedeutende Lösung zu schaffen. Wie hier halbherzig und unentschlossen herumgemumpelt wird, wie man sich den Ehrentitel „einziges Institut der Welt“ einerseits anheften will, andererseits aber nahezu nichts für gemäße Behandlung eines nun wahrlich nationalen Themas tut: das verdient den Namen Skandal.

Wenn nicht gelegentliche Forschungsprojekte durch private Träger wie die VW-Stiftung oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt worden wären, dämmerte das Institut im Dornröschen-Schlaf. Es geht nämlich nicht so sehr darum, daß ein Autor und Forscher wie Hans-Albert Walter sich durch Lehrverpflichtungen (zu Recht oder zu Unrecht) stranguliert fühlt und ob man nun einen anderen qualifizierten Mann für diese mickrige „senatsunmittelbare C-2-Professur“ findet. Es geht vielmehr darum: Hier hat die Stadt Hamburg die einmalige Chance, wirklich ein Forschungszentrum von internationaler Bedeutung zu schaffen. – Gewiß kann man endlose akademische Disputationen austragen darüber, ob denn das Rubrum „Exilliteratur“ nicht Autoren wie Feuchtwanger oder Arnold Zweig in eine Art Getto des Kritikschutzes einbanne; das aber ist nicht das Problem. Ob Tucholsky nun ein Heine war und Leonhard Frank vielleicht doch kein Kafka – darüber ist trefflich streiten; dort.

Exilliteratur: Das ist nicht nur Brecht in Hollywood und Becher in Moskau. Das sind, richtig begriffen, auch Wolfgang Liebeneiner und Horst Lange in Deutschland – und das endet nicht 1945 im Mai, so wenig es am 10. Mai 1933 auf Goebbels Scheiterhaufen begann. Ein solches Institut, funktionstüchtig ausgestattet, müßte in sein Archiv wie seine Forschungen die Bereiche Funk oder Film einbeziehen können (Wo findet man auch nur eine Kopie von Piscators in der Sowjetunion gedrehtem Anna-Seghers-Film „Aufstand der Fischer von St. Barbara“?).

Ein solches Institut, geleitet und strukturiert von Wissenschaftlern, die sich nicht als bloße Text-Exegeten oder „Mephisto“-Apologeten begreifen, sondern historisch-politische Dimensionen in ihre Arbeit einbeziehen, müßte und könnte Zentrum internationaler Symposien und Seminare sein.