Rastatt

Im Wehrgeschichtlichen Museum Schloß Rastatt präsentiert die Bundeswehr bis zum 31. Oktober 1981 eine ungewöhnliche Ausstellung, die Dokumentensammlung „Deutsche jüdische Soldaten 1914–1945“, Es geht um das Schicksal der jüdischen Teilnehmer am Ersten Weltkrieg und der wenigen jüdischen Soldaten der Reichswehr bis 1945, die nach 1935 von Soldaten zu „Volksschädlingen“ degradiert worden waren.

Durch drei Zimmer liest sich der Besucher an den Dokumenten entlang; Da gibt es die „hurra“patriotischen Ausbrüche in Proklamationen, Gedichten und Briefen, ja sogar Todesanzeigen der Aufbruchszeit 1914/15. Da sind die Durchhalteappelle, Heldenlieder, Ordenslisten und Opferstatistiken der zweiten Kriegsphase. Da wird schließlich die Niederlage 1918 dokumentiert, die den Antisemitismus anheizte. Die mörderische „Endlösung der Judenfrage“ durch die Nationalsozialisten, das Ende aller jüdischen Assimilationshoffnungen, illustriert eines der wenigen Ausstellungsstücke, die nicht aus Papier sind: ein blau-blaßgrau-gestreifter Kittel eines KZ-Häftlings mit aufgenähtem Judenstern.

Kern und Anlaß der Ausstellung sind Erinnerungsstücke zweier, verwandter Familien, vornehmlich der beiden jüdisch-deutschen Frontsoldaten Josef Zürndorfer und Max Waldmann. Der eine fiel 1915, der andere überlebte schwerverwundet den Ersten Weltkrieg und schwergeschunden die Hölle von Theresienstadt. Der eine erklärte hochgemut in seinem Testament: „Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als-Jude, um die völlige Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.“ Der andere mußte erleben, wie das bedrängte Vaterland den Einsatz lohnte und wie die erhoffte Gleichberechtigung in Verfolgung und Vernichtung endete.

Pässe mit eingestempeltem „J“, Verleihungsurkunden von Orden und die Verfügung über ihre Aberkennung, die Ausschließungsurkunde aus der Wehrmacht, große rote Namensschilder aus Pappe, die bei der Deportation um den Hals getragen werden mußten, Lagergeld und Lebensmittelkarten aus dem „Muster-KZ“ Theresienstadt, Tagebuchnotizen, der Antrag auf Nahrung für den kranken zweijährigen Sohn – hier lernt man erst richtig lesen, was den Nürnberger „Blutschutzgesetzen“, den Erlassen über die „Wehrunwürdigkeit“ von Nicht-Ariern und den antisemitischen Pamphleten folgte.

Die Rastatter Schau soll nach dem Willen ihrer Veranstalter auch im Zusammenhang mit der Traditionsdebatte der Bundeswehr gesehen werden. Hier sollen auch die finsteren Seiten ihres Erbes aufgearbeitet werden. Ein Anfang, aber auch nicht mehr. Dafür schont die Ausstellung die Wehrmacht zu sehr. Daß namhafte, von der Bundeswehr als soldatische Vorbilder reklamierte Heerführer oft ohne jede Not den Nationalsozialisten in die Hände gearbeitet und ihr Geschäft besorgt haben, bleibt den Besuchern verborgen.

Es fällt auch auf, wie kritiklos der Chauvinismus dargeboten wird, den übereifrige jüdische Patrioten bei Kriegsbeginn 1914 produzierten. Soll mit dem Auschwitz-Tabu heutige vaterländische Gesinnung erweckt werden? Wehrertüchtigung im Schutz jüdischen Schicksals, vor dem jede Kritik verstummt? Den Eindruck kann man gewinnen, wenn man im ansonsten ausgezeichneten Katalog (eine Mark) liest: „In einer Zeit, wo öffentliche Vereidigungen umstritten sind, ist der Bericht über eine öffentliche Vereidigung jüdischer Rekruten im September 1914 in der Königsberger Synagoge ein bemerkenswertes Dokument für die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Schritt im Leben eines Soldaten gehandhabt wurde.“

Stolz verkünden die Aussteller mehrfach, daß zwei Kasernen der Bundeswehr die Namen jüdischer Soldaten tragen: Den Jagdflieger und „Pour le mérite“-Träger Wilhelm Frankl und den Kriegsfreiwilligen und Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank hat man als Paten gewählt. Aber müssen militärische Einrichtungen immer nach Helden heißen? Warum Ludwig – nicht Anne Frank? Die Bundeswehr und unsere Republik haben schließlich nicht nur eine nationalsozialistische, sondern auch eine militärische Vergangenheit zu bewältigen. Friedemann Bedürftig