Von Wolfgang Hoffmann

Der Rat der Sachverständigen für Umweltfragen warnt eindringlich vor einem massiven Ausbau von Kohle- und Kernkraftwerken. Die Energieprobleme können nicht nur durch ein Ausweiten des Energieangebots gelöst werden; auch mit der Energieverschwendung muß Schluß gemacht werden. In ihrem neuen Energieprogramm muß die Bundesregierung ein geschlossenes Konzept zur besseren Energienutzung vorlegen.

Die Experten im Bonner Wirtschaftsministerium werden ihre Vorarbeiten für die dritte Fortschreibung des Energieprogramms, die eigentlich in diesem Frühjahr vorliegen sollte und nun erst im Herbst erwartet werden kann, noch einmal gründlich überdenken müssen, wenn sie die Sorgen des Sachverständigenrates für Umweltfragen ernst nehmen. Dieses Gremium hat soeben mit nicht zu überbietender Deutlichkeit vor den Umweltschäden gewarnt, die von einer massiven Ausweitung des Energieangebots in Form von Kohle und Kernkraftwerken zu erwarten sind. Die Alternative, auf die der Rat setzt, heißt: Einsparen und Substitution von Energie.

Nun ist vom Energiesparen schon seit längerem die Rede; es gab sogar schon ein Energiesparprogramm, und die Energiebilanz des vergangenen Jahres zeigt deutlich, daß Sparappelle und Sparmaßnahmen nicht ohne Wirkung geblieben sind. Noch mehr Energie zu sparen – in privaten Haushalten wie in der Industrie – wird bald nur noch auf Kosten von Lebensqualität möglich sein, so wird mancherorts schon befürchtet.

Vom Verzicht auf Lebensqualität, dem rigorosen Drosseln der Heizung, der Rationierung von Gas oder Strom, ist gar nicht die Rede, vielmehr von einem Energiesparen, das mit der Energieverschwendung Schluß macht. Wo der Sachverständigenrat für Umweltfragen dem Energiesparen das Wort redet, meint er eigentlich die bessere Nutzung der bisher eingesetzten Primärenergie, Er meint, daß sich das Verhältnis von eingesetzter Energie zu der tatsächlich benötigten Energie verbessern muß, ob es sich nun um Strom oder Wärme aus Kohle, Gas und Öl handelt oder um Benzin und Diesel, das aus dem Rohöl gewonnen wird und vor allem den Individualverkehr erhalten soll.

Schon heute baut die Automobilindustrie Fahrzeuge, die bei gleicher Leistung mit weniger Sprit auskommen als die Autos von gestern. Die eingesetzte Primärenergie wird mithin besser genutzt, ihre Lebensdauer wird gestreckt. An den sicher noch weiter verbesserungsfähigen Leistungen der Automobilindustrie kann sich die Energiewirtschaft ein Beispiel nehmen. Sie nämlich verheizt und verströmt Kohle wie auch Erdgas noch weitgehend so, als gäbe es Primärenergie im Überfluß. Dabei bringen hundert Prozent dieses eingesetzten Primärbrennstoffs am Ende nur dreißig bis vierzig Prozent Nutzenergie in Form von Elektrizität. Der größte Teil dessen, was zu Beginn des Energieprozesses verfeuert wird, geht verloren – als Abwärme. Diese Abwärme aber kann, wenn sie in Kraftwerken eingefangen wird, als Fernwärme für Heizzwecke in privaten Haushalten genutzt werden. Der Wirkungsgrad der so ausgenutzten Primärenergie (Strom und Heizwärme) erhöht sich dann auf 80 bis 85 Prozent. Das Energiepotential, das in der Erhöhung des Wirkungsgrades der eingesetzten Primärenergie steckt und bislang brachliegt, ist beachtlich. In der Bundesrepublik werden hundert Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten (Braun- wie Steinkohle, Öl und Gas) verströmt. Aber nur etwa ein Drittel der eingesetzten Primärenergie wird tatsächlich als Endenergie genutzt. Würde der Wirkungsgrad auf achtzig bis fünfundachtzig Prozent erhöht, so ergibt das unter dem Strich ein Energieäquivalent von rund vierzig Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten als Gewinn – allein durch den höheren Nutzungsgrad. Dieses bislang ungenutzte Potential entspricht – je nach Benutzungsdauer – etwa zwölf bis zwanzig großen Kernkraftwerken.

Es ist allerdings unrealistisch anzunehmen, daß sich dieses rein rechnerische Potential voll nutzen ließe. Denn viele Kraftwerke, die Strom erzeugen und Abwärme vernichten, liegen abseits besiedelten Regionen, in denen die Heizwärme benötigt wird. Die Abwärme dort in die Heizungen zu bringen, ist nicht nur zu teuer; die Wärme wäre auf dem Weg von der Quelle bis zum Verbraucher auch längst kalt geworden. Dennoch ist es nach gesicherten Erkenntnissen heute möglich, zwanzig bis dreißig Prozent aller privaten Haushalte mit Fernwärme zu versorgen, nämlich dort, wo die Kraftwerke ihren Standort in der Nähe dichtbesiedelter Regionen haben.