Von Gero V. Boehm

Die Patienten hatten allesamt den gleichen Wunsch: Jenen quälenden Schmerz in der Brustgegend loszuwerden, hervorgerufen durch Angina pectoris, eine Verengung der Herzkranzgefäße. Da es sich um schwere Fälle handelte, entschloß sich das Ärzteteam des renommierten Kardiologen G. O. Dimond zu einem operativen Eingriff.

Aber heimlich teilten die Doktoren ihre Operationsanwärter in zwei Gruppen ein. Die eine wurde tatsächlich behandelt, die andere bekam nur einen Hautschnitt – unter Narkose. Die Wirkung jedoch war in beiden gleich. Unter den Nichtoperierten meldeten kaum weniger Patienten Schmerzlinderung als in der Gruppe, die tatsächlich dem Eingriff unterzogen worden war. Die Scheinoperation hatte bei manchen sogar einen besseren Effekt. Nicht nur die subjektive Schmerzempfindung wurde beeinflußt – es stellten sich meßbare physiologische Veränderungen ein.

„Ich werde gefällig sein“

So beobachtet und dokumentiert in den fünfziger Jahren in den USA. Die strengen ethischen Richtlinien, die heute in den Hospitälern gelten, würden ein solch zweifelhaftes Experiment nicht zulassen. Es hat freilich gezeigt, welche Potenz der Glaube des Patienten an Methode oder Arzt haben kann. Dieser „Placebo-Effekt“ (vom lateinischen placebo – ich werde gefällig sein) durchzieht die Medizingeschichte wie ein roter Faden. Die Palette reicht von pulverisiertem Einhorn gegen Unfruchtbarkeit über Ziegenblut gegen Nierensteine bis in weite Bereiche der Homöopathie und Geriatrie hinein. Placebos haben eines gemeinsam: Ihre Wirkung kann ausschließlich eine psychologische sein. Sie gehen die Krankheit unspezifisch an – das heißt: Sie können zum Beispiel nicht auf Grund einer stofflichen Zusammensetzung gezielt bestimmte Symptome bekämpfen. Noch im 19. Jahrhundert wurde gern per Aderlaß die Krankheit in Form des bösen Blutes aus dem Körper vertrieben. Einer ähnlichen Strategie bedient sich die Psychoanalyse auf dem Sektor seelischer Probleme.

Während sich unsere Medizin lieber auf streng wissenschaftlich erprobte Substanzen und Techniken verläßt, haben andere Kulturen den Stellenwert der Placebos bis heute aufrechterhalten und genutzt. Im westlichen Therapieverständnis ist die Magie längst besserem Wissen zum Opfer gefallen. Die Empfänglichkeit für die vielfältig gen Wirkungen von Scheinmedikamenten freilich ging nicht verloren – das Angina-pectoris-Beispiel zeigt, daß es noch nicht einmal eine Zuckerpille sein muß. Die Kraft der Einbildung kann so stark sein, daß sie die Wirkung jeglicher „Therapie“ steigert. Und ob ein Placebo diese Kraft entfalten kann, hängt nicht etwa von Intelligenzgrad, Bildungsstand oder der Fähigkeit zu rationalem Denken ab. Empfänglich ist fast jeder. Nur: es ist noch rätselhaft, warum einige mehr, andere weniger reagieren. Möglich, daß die jeweilige Stimmungslage und mit ihr die unterbewußte Bereitschaft, sich helfen zu lassen, die Schlüsselrolle spielt.