ARD, Sonntag, 3. Mai: „Kein Bock“, Film über die Zeitkrankheit „Lustlosigkeit“ von Gerhard Bott

Die Ansage weckte Hoffnungen: Von einem „meinungsbetonten“ Beitrag wurde gesprochen, Ausgewogenheit im Sinne der pro- und contra- Balance für nicht existent erklärt – kurzum, der Zuschauer sah sich gewarnt, es stand offenbar eine gepfefferte Sache bevor.

Zu früh frohlockt. Der Bericht über die neue Jugend-Revolte erwies sich als Vortrag zweier auswendig gelernter Statements in wechselnder Folge. Ein Herr und eine Dame trugen, erst sie und dann er und dann wieder sie und dazwischen, meist im Off, auch mal Gerhard Bott (er kam nur flüchtig ins Bild) – ein Herr und eine Dame trugen akademische Verlautbarungen vor, die, in drei Teile gegliedert und durch ein paar Bilder aus der sogenannten Szene und ihrem Drumherum angereichert, durchaus diskussionswürdig waren. Ein bißchen abstrakt (ganz so formelhaft läßt sich, denke ich, über Gewalt nicht reden), ein bißchen allgemein (Worte wie Sozialismus und Kapitalismus ängstlich vermieden), ein bißchen wie das Aufsagen eines Gedichtes mit verteilten Rollen nahm sich das aus.

Die meisten Thesen: vernünftig, da selbstverständlich. Überspitzungen (das Recht auf Leben und das Recht auf Arbeit, hieß es, schlössen sich, angesichts der inhumanen Devise „Produziere diszipliniert wie ein Roboter und konsumiere hemmungslos“ nahezu aus) – Überspitzungen waren sachdienlich, die Diagnosen im allgemeinen stimmig (nur ein bißchen vage eben), die Zukunfts-Perspektiven: nicht verdeutlicht im Sinne eines Gegenentwurfs.

Vor allem aber kam die Kommerzialisierung des Jugend-Protests am Ende zu kurz – das Reproduzieren von Vorgegebenem und Angebotenem: mit Nina Hagen auf dem großen Marsch und für die politischen Alternativen der Achtundsechziger nur noch ein Achselzucken der Pauker und Popper und Fans – Mein Gott, hatten die Sorgen...

So weit so gut, so schlecht. Ich fand es empörend, jawohl empörend – wie hier über Jugendliche geredet wurde, ohne daß sie sich selbst äußern konnten. Wie exotische Fabelwesen nahmen sie sich aus, wie Demonstrations-Objekte, deren Verhaltensweisen säuberlich vorgeführt wurden, Da schaut mal her! Sie selbst aber blieben sprachlos, die Jugendlichen, wurden an die Leinwand geworfen und hatten keine Chance: „So, liebe Text-Aufsager, und nun kommen wir selbst“ zu rufen, „das war richtig, was ihr gesagt habt, das war grundfalsch, und im übrigen möchten wir sagen – ‚Nur ab die Post!“ So wie es Bott sonst gemacht hat, mit den Jugendlichen als den Akteuren. Als mein sechzehnjähriger Sohn nach zehn Minuten vor dem Fernsehapparat einzuschlafen begann, tat er gut daran – und besser noch, als er zu Bett ging. So viele Erwartung – und dann solch ein Hörsaal-Duett: da muß einer entweder einschlummern, oder die Wut muß ihn packen über solche Verdinglichung von Menschen, die Subjekte sind und keine Puppen im Demonstrations-Saal.

Glücklicher Sohn. Du konntest schlafen. Momos