Der Manhattan Theatre Club wird seine Förderung unbekannter Stückeschreiber und Regisseure aufgeben und die Zahl seiner Inszenierungen verringern müssen; das Puerto Rican Travelling Theatre ist in Gefahr, ein Zwölftel seines Budgets zu verlieren; die private New York University hat errechnet, daß im kommenden Jahr 20 bis 40 Prozent der staatlichen Studienkredite fehlen werden, daß daher die Zahl der Studenten – und damit also auch die der Gebührendollars – sinken wird; das Poetry Project, das pro Jahr 500 Lyriker lesen läßt, wird ein Sechstel seines Etats einbüßen und seine Veranstaltungen reduzieren müssen.

Die von der Reagan-Regierung angekündigte Streichung der Kulturförderung um 50 Prozent hat die Künste, aber auch Wissenschaft und Forschung in den höchsten Alarmzustand versetzt. Die Auswirkungen sowohl auf die Kulturszene als auch auf das Ausbildungswesen wären enorm, und das, nachdem das Ausmaß der staatlichen Subventionen, mit europäischer Elle gemessen, ohnehin lächerlich gering ist: Im laufenden Haushaltsjahr beträgt der Etat für Kultur und Wissenschaft 322 Millionen Dollar – oder 0,04 Prozent des Gesamthaushalts.

Wozu also die Aufregung, könnte man nun, umgekehrt, fragen. Kann das fehlende Geld nicht, wie in Amerika üblich, von Privatleuten aufgebracht werden? So jedenfalls stellt es auch Reagans Budget-Wächter, David Stockman, hin. Aber nur ein Prozent aller amerikanischen Firmen gibt heute Geld für Kulturpflege aus. Und da auch die sozialen Programme zusammengestrichen werden sollen, wird nun auch von dort der Druck auf private Mäzene und Unternehmen einsetzen.

Die Förderung von Kultur und Geisteswissenschaften hat im Individualistenland Amerika noch keine lange Tradition. Erst im Aufbruchsklima der sechziger Jahre wurden durch Gesetz zwei Nationalstiftungen geschaffen. Seitdem geht es nicht nur ums nackte Geld: Die Bundeszuschüsse gelten auch als staatliches Gütesiegel, das oft private Spender erst ermutigt. Umgekehrt befürchten die Betroffenen heute eine negative Signal Wirkung: Kultur, so scheint die Botschaft aus Washington zu lauten, sei in ökonomisch schwierigen Zeiten am ehesten entbehrlich. Aber nicht nur die Künste sind in Bedrängnis. Unter dem Druck des Weißen Hauses haben die Behörden begonnen, sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte zu streichen – trotz des erbitterten Protestes der Wissenschaftler, die sich als Opfer einer neo-konservativen, anti-intellektuellen Haltung der Reagan-Regierung sehen. (Die Naturwissenschaften gelten weiter als förderungswürdig – weil der Wirtschaft dienlicher).

Es ist nicht schwer vorauszusagen, wohin das alles führt: Die großen „Kulturträger“ werden die Kürzungen am leichtesten überstehen, weil sie bei Spendern aus High Society und Geschäftswelt als Abschreibungshimmel wohlangesehen sind. Leiden werden, bis hin zum Exitus, die Impulsgeber für die Zukunft: die kleinen Gruppen und alternativen Projekte, die Ausbildungsinstitute für alle künstlerischen Berufe. In der Met oder den Philharmonischen Orchestern werden solche Programme verschwinden, in denen das Experiment eine Chance hatte und die dazu bestimmt waren, neue Publikumsschichten zu erreichen – die ökonomisch Benachteiligten, die ethnischen Minoritäten. Denn für ein Großunternehmen ist die Unterstützung der Kultur weniger Philanthropie als Werbung: Als Gegenleistung für seine Dollars erwartet es Publizität.

Auch die Regierung will offenbar nur noch dort Geld geben, wo sich der Erfolg unmittelbar in Wählerstimmen niederschlägt – an oberster Stelle auf der Abschußliste stehen die „Internationalen Aktivitäten“, zum Beispiel Austauschprogramme mit anderen Ländern.

Solcher Provinzialismus begann schon unter Carter. Dem initiativereichen La MaMa Theatre wurden die Subventionen mit der Begründung gekürzt, es zeige zu viele ausländische Produktionen. In Erwartung neuer Streichungen sagte die Chefin, Ellen Stewart, jetzt, sie wisse nicht, wie lange sie den Betrieb noch aufrechterhalten könne. „Und schreiben Sie, daß ich ernsthaft nach einem Job in Europa suche.“

Barbara von Jhering