Das Nürnberger Jugendzentrum wird weiter verteufelt

Nürnberg

Soweit man den Gedankengängen Nürnberger Haftrichter noch folgen kann, pflegt Olaf Schwencke (SPD), Mitglied des Europäischen Parlaments in Straßburg, verderblichen Umgang. Als Präsident der bundesweiten „Kulturpolitischen Gesellschaft“ reiste der Parlamentarier am Dienstag nach Nürnberg, um dort das städtische Kommunikationszentrum KOMM zu besuchen – jene Einrichtung, die nach Auffassung Nürnberger Justizbehörden als Planungs- und Ausgangsort gewalttätiger Ausschreitungen dient; eine Einrichtung, deren Besuch – ähnlich etwa dem einer Spielhölle oder eines Bordells – haftentlassenen Untersuchungsgefangenen in Nürnberg neuerdings bei Strafandrohung amtsrichterlich untersagt ist. Olaf Schwencke, das muß ihn der Justiz vollends verdächtig machen, reiste dorthin nicht etwa aus politisch motivierter Neugierde, sondern um anläßlich der Verleihung des Kulturpreises ’81 an das KOMM die Laudatio auf das diskreditierte Selbstverwaltungsmodell des Jugendzentrums zu halten.

Die „Kulturpolitische Gesellschaft“, zu der Politiker, Wissenschaftler, Künstler, Publizisten und Pädagogen gehören, enstand 1976 aus dem – „Kulturpolitischen Kolloquium“ Loccum heraus. Ihr Ziel: ein „erweiterter Kulturbegriff“. So ging der Kulturpreis ’80 an das Europäische Ausbildungszentrum für Handwerker im Denkmalschutz in Venedig.

Die Preisverleihung ereilt das KOMM just in dem Augenblick, in dem es endlich als Keimzelle massiver Bedrohungen des bayerischen Landfriedens ausgemacht ist: Anarchonest, kommunistische Kaderschmiede, Hort geistiger Kindsaussetzung, wie die CSU weiß; Quelle erheblicher Gefahren für den Rechtsstaat, wie die Justiz mahnt; Steuer-Subventionsmodell für Linksradikale, wie „Report“ München unlängst verbreitete.

Die Diffamierung des Kommunikationszentrums hat Tradition. Sie macht sich seit jeher daran fest, daß der hier mit Bedacht zur Selbstgestaltung bereitgestellte Freiraum auch Aktivitäten zuläßt, die jenseits konservativer Toleranzgrenzen angesiedelt sind; Wandschmierereien etwa, unter denen – wie anderswo – auch mal RAF-Parolen ausgemacht werden (und von den Mitarbeitern des Hauses immer wieder beseitigt), oder auch Arbeitsgruppen, die sich mit Strömungen und Ansichten auseinandersetzen, die mit der geltenden Gesellschaftsordnung zwar nicht unbedingt übereinstimmen, aber widerspiegeln, womit sich ein Großteil der Jugend beschäftigt: Hausbesetzungen etwa, die Jugendunruhen in Zürich und Amsterdam, auch der Radikalenerlaß, die Anti-Atom-Bewegung oder Wehrdienstverweigerung. Daß es vier, fünf Gruppen im Hause gibt, die dazu Veranstaltungen organisieren oder Flugblätter produzieren, wird für staatsfeindlich gehalten.

Diese Aktivitäten unter den über vierzig Gruppen des Hauses aber machen nur einen Bruchteil aus. Auswärtige Schüler, die zum Informationsbesuch anreisen, bis zum dort ständig tagenden Rentnerklub; loben vor allem den von Toleranz geprägten Charakter des Hauses. Daß auch für die .freien Gruppen’, die sich politisch betätigen, aus dem selbstverwalteten 210 000-Märk-Etat Geld zur Verfügung steht, notiert „Report“ als „Steuergelder für Linksradikale“. Nicht erwähnt wird,-daß es sich dabei um ganze 400 Mark monatlich handelt.