ARD, Sonntag, 17. Mai 1981, 17.45 Uhr: „Glaube und Währung – Dr. Gene Scott, Fernsehprediger“, Film von Werner Herzog

Der Abspann zeigt einen Vorspann – die Klischee-Skyline einer amerikanischen Großstadt, in die Regenbogenfarben gebracht, dazu der Glamour-Sound des Show-Confèrenciers über den Pfefferminzmelodien eines Pseudo-Sinatra „There is a. stranger in our town“. Der Titel der Show: „Festival of faith – Fest des Glaubens“.

Der „Gastgeber“, der sichselber gern „Gottes zornigen Mann“ nennt, ist fünfzig Jahre alt, fühlt sich bei guter Gesundheit, ist aber einsam und heult sich manchen Abend sein Alleinsein von der Seele. Er hält jeden Sonntag zwei je zweieinhalb Stunden dauernde Gottesdienste, betreibt eine Radiostation, ist Präsident einer 2000-Seelen-Gemeinde und zudem delegierter Pastor einer anderen mit fast 10 000 Eingeschriebenen. Aber auf die Frage, ob er sich seines Glaubens sicher sei, nennt er sich einen Philosophen, für den nichts sicher ist. Was ist Christentum? Ein Spielchen, Zirkustricks, Geschwafel, Massage oder eine Sache auf Leben und Tod? Er gibt keine Antwort. Er steht manche Tage bis zu zehn Stunden vor der Kamera, unterbrochen wird seine Ein-Mann-Show durch ein Blues-Vokalquartett, eine schlechte Imitation des „Golden Gate“, die wie im Reklamespot lockt: „Wenn Du Freude willst, komm zu Jesus.“

Dr. Gene Scott ist einer der sich selber hochpuschenden Manager-Prediger-Missionare einer neuen Sektenbewegung in den USA; der Fernseh-Kirche. Werner Herzog hat ihn in einer seiner Shows beobachtet, hat ihn befragt und aus dem Material eine Studie zusammengeschnitten, die weniger einen Gottesmann zeigt als einen Monomanen.

„Wenn ich schreie, möchte ich auch gehört werden“, brüllt Gene Scott einmal – diese Ausbrüche finden offenbar häufiger statt. Der Grund: seine Gemeinde zogen zu lange, per Telephon die Überweisung der Ergebenheitsspenden anzuzeigen: Eine Viertelmillion Dollar holte Scott so in 36 Minuten herein und verlängerte prompt seine Sendezeit. Umgekehrt: zwei Minuten lang zeigt die Kamera sein unbewegtes Gesicht, als die Anrufe ausbleiben – „kein Wort mehr heute abend“, droht der Prediger.

Was Gene Scott predigt, welchen Gott er preist, was für einer Kirche er vorsteht – Werner Herzog hat die Inhalte wohl nicht einfangen können. Sollte es allein der Gott Mammon sein, dem Gene Scott huldigt? Die Bilder und die Selbstzitate sind zwingend – eine Selbstdarstellung, keine schlüssige Dokumentation einer neuen Manie auf der Basis religiöser absoluter Unsicherheit, Wann wird sie uns ins Haus stehen – per Kabel oder Funk? Heinz Josef Herbort