So blasiert kann einfach niemand in Wirklichkeit sein – das ist die erste Empfindung, wenn er auf das Podium kommt: weißes Dinnerjacket, hochgeklappter Hemdkragen mit einer Schleife aus schmalem schwarzen Samtband, die Haare wie beim Roßhaarbesen zur Seite stehend getrimmt – fast ein Popper; mit dem staksig schlendernden Schritt, der gelangweilt skeptischen Körperhaltung einer frustrierten Turnschuhgeneration; mit einem abschätzenden Blick hinauf zum Rang jemandes, der es eigentlich gar nicht nötig hat. Keine Verbeugung. Keine Fisimatenten mit der Höhe des Klavierschemels, dem Flügeldeckel, dem Tüchlein – gleich los, Chopin, ein Prélude.

„Ich bin natürlich verpflichtet“, sagt Ivo Pogorelic, „Chopin zu spielen, vor allem bei Debütkonzerten, denn die Leute wollen das hören, nach all dem, was in Warschau passierte.“

Alles das: In der polnischen Hauptstadt war es letzten Oktober – draußen fand das Tauziehen zwischen der Gewerkschaft Solidarität und den Politikern über die „führende Rolle der Partei“ statt – zum Skandal gekommen, als beim berühmten internationalen Chopin-Wettbewerb (diesmal 149 Kandidaten aus 38 Ländern) die argentinische Pianistin Martha Argerich (die 1965 selber den Preis gewann) die Jury verließ, um damit gegen ein Bewertungssystem zu protestieren, das konservativen Stil-Puristen die Möglichkeit gab, jemanden auszupunkten, der einen „völlig modernen und neuen Zugang zur-Musik Chopins erschloß“. Auf diese Weise war das „außerordentlich originelle Pianistentalent“ (so bezeichnete ihn.die „Warschauer Musikgesellschaft“ anschließend. und begründete ihre Stiftung eines Sonderpreises) Pogorelic nicht einmal mehr in die Schlußrunde gekommen. Im italienischen Terni, 1978, und in Montreal, 1980, hatte er jeweils den ersten Preis gewonnen. Nach dem Sonderkonzert in Warschau dauerten die Ovationen zwanzig Minuten, und eine Eskorte war nötig, um Pogorelic ins Hotel zu bringen.

Ivo Pogorelic: 1958 in Belgrad geboren, Sohn eines spätberufenen Kontrabassisten, der lange Zeit im Orchester spielte, aber auch komponierte und dirigierte. Erste musikalische Ausbildung mit sieben Jahren – „Von Anfang an“, sagt der Zweiundzwanzigjährige und hat dabei keinen Hauch von Zweifel in den Augen, „war klar, daß ich ein gutes Material war mit vielversprechender Zukunft.“

Fünf Jahre Unterricht in Jugoslawien, dann kommt ein Lehrer aus Moskau, hält in Belgrad eine Art Klavierlehrer-Seminar, Pogorelic dient ab. Schüler-„Modell“. Der Lehrer schwärmt vonden Möglichkeiten an der Zentralen Musikschule und erst recht am Tschaikowskij-Konservatorium – mit zwölf Jahren folgt ihm Pogorelic, allein; „Moskau und die Sowjetunion können der rechte Ort sein, eine Persönlichkeit aus sich zu. machen. Es gibt dort so viele Probleme. Da müssen Sie stark werden, wenn Sie damit fertig werden wollen.“ Zum Beispiel im tagtäglichen Leben. „Wir Jugoslawen sind frei in unserem Denken, offen, leicht. Ich war anders gekleidet, dachte anders, fühlte anders – das war ganz schön hart.“ Beispielsweise, am Konservatorium. „Das ist eine geschlossene Gesellschaft mit viel Eifersucht und Neid um einen herum, mit vielen Leuten, die vorgeben, Freunde zu sein, aber sie sind es nur nach außen.*

Wie hat er es trotzdem geschafft? „Wenn; man fühlt, daß man talentiert ist, reicht das aus, um etwas aus sich zu machen.“ Da muß aber jemand, der es beurteilen kann, ganz sicher sein, daß er ein Talent vor sich hat. „Absolut. Und zunächst einmal ich selber.“ Hier nun gerät er in geradezu schwärmerisches Träumen: „Manchmal kömmt es ganz plötzlich. Am Morgen, da wacht man: auf. guckt aus dem Fenster, sieht etwas, was die anderen nicht sehen, und man ist sich seiner Sache sicher.“

An der Zentralen Schule wie am Konservatorium lernt Pogorelic zunächst „ganz normales“ Klavierspiel, bei Timtakhin, bei der Gornostaewa, bei Malinin. Nach fünf Jahren Aufbau aber kommt er zur Alice Kezeradze, einer Pianistin, die über die Linie Alexander Siloti Urenkel-Schülerin von Franz Liszt ist, „Alles, was ich bis dahin wußte, erschien jetzt lächerlich, banal, albern.“ (Vergangenes Jahr heirateten die beiden.)