Seit sich im französischen Wahlkampf herausstellt, daß die Entscheidung zwischen den Herren Giscard d’Estaing und Mitterrand fallen würde, war die Aufmerksamkeit der Wähler voll auf die angekündigte Begegnung der beiden Präsidentschaftsanwärter im Fernsehen gerichtet: face à face, von Angesicht zu Angesicht, sollten sie ein Streitgespräch führen.

Erste Frage: Würde keiner der beiden Gegner kneifen? Nein, sie würden zur Stelle sein: Doch halt: plötzlich äußerteKandidat Mitterrand Argwohn. Er warnte vor „Tricks“, fragte, ob nicht damit gerechnet werden müsse, daß die staatliche Fernsehbehörde nicht unparteiisch bleiben, sondern eher dem bisherigen Präsidenten zu Diensten sein würde. Man wisse ja schließlich, es gebe ja allerlei Möglichkeiten... Kurzum: Mitterrand wollte kein blankes „face à face“ mehr.

Giscard wendete den Blick takt-> voll ab und erklärte, er sei mit allen gewünschten Modalitäten einverstanden. Womit er schon halb gewonnen hatte. Auch bis dahin war das Fernsehpublikum – ein Begriff, der jetzt mit „Volk“ gleichzusetzen ist – überzeugt, Giscard d’Estaing werde der Überlegene sein. Hatte er doch zu der Zeit, als er noch Finanzminister war, im Parlament immer durch seine Schlagfertigkeit brilliert, im richtigen Moment Witz und Gelassenheit an den Tag gelegt.

Armer Mitterrand. Sein Gesicht schien Von Woche zu Woche bekümmerten und zeigte damit Reihen. Freunden wie seinen Gegnern, daß er etwas (oder alles) übelnahm. Immerhin hatte er einen Einfall: Es sollten Journalisten, in das. Streitgespräch eingeschaltet werden. Journalisten sozusagen als Schiedsrichter – oder Ringrichter. Auch hierzu gab Giscard höflich seine Zustimmung. Journalisten sollten sich ins Mittel legen dürfen, Journalisten als Luftkissen.

So kam es dann auch. Giscard erhielt eine Journalistin zugeteilt. Zierlich von Figur, intelligent von Angesicht. Mit ihren Kollegen sprang sie zwischen die Kämpfenden, stellte Fragen, machte klar, wie viele Minuten Redezeit sie jeweils noch hätten und auf welchen Gebieten das Angreifen, Wegducken, kurz: der Schlagabtausch in den nächsten Minuten stattfinden solle. Noch fünf Minuten Außenpolitik, zwei Minuten Innenpolitik...

Die Schiedsrichter waren aufmerksam wie die Schießhunde. Sie waren großartig, und es fehlte ihnen eigentlich nur die Trillerpfeife. So jedenfalls empfand, es das Auditorium, das Visitorium, das Fernsehpublikum, das Volk. Daß Giscard, der immer Höfliche, immer Präzise, siegen. würde, wurden bald klar. Aber schade, daß sein Gegner nicht durch k. o. zu Boden ging. Mitterrand blieb aufrecht. Der erste echte „Mann von der Straße“, den ich andernmorgens traf, sagte: Ich fand es gut, sehr gut! Beide hatten. sie recht, alle beide! Auch die-Journalisten waren gut. Bis auf einen Punkt: Giscard, den sie rechts auf den Bildschirm hätten setzen müssen, saß links. Mitterrand saß rechts. So etwas kann einen leicht durcheinanderbringen ...

Offen blieb nach alledem nur die Frage: Mit was für einer Staatsform haben wir es eigentlich zu tun, wenn ein einziger Kampf der Köpfe schließlich entscheiden kann, wer Präsident sein soll, Lenker der Politik? Müssen wir uns nicht eingestehen, daß wir von der Demokratie abgekommen und auf den Weg zur Telekratie geraten sind? Wozu noch Parlamente, wozu noch Politik life? Viel einfacher: wir schalten auf die elektronischen Kanäle. Die Telekratie beginnt, wenn der Bildschirm’sich erhellt. Wozu mir ein Spruch, einfällt, den ich neulich hörte: „Und wenn der Bildschirm sich erhellt, wird der Verstand oft abgestellt.“