Von Heinz-Günter Kemmer

Hoesch-Chef Detlev Rohwedder hatte mit seiner Vorahnung recht. „Keiner der Masseure“, so meint er, „hat ein Mittel in der Hand, ein privatwirtschaftliches Unternehmen zum Aufgeben seiner Position zu zwingen.“ Mit den Masseuren meinte er Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und EG-Kommissar Etienne Graf Davignon, mit dem privaten Unternehmen natürlich die Klöckner-Werke AG, die derzeit der größte Stolperstein auf dem Weg zu einer Eurofer II genannten Kartellabsprache der europäischen Stahlproduzenten sind.

Zwar haben auch die bundeseigene Salzgitter AG und der luxemburgische Stahlkonzern Arbed noch Vorbehalte gegen einen in vielen Sitzungen in Luxemburg ausgehandelten Kompromiß, die eigentlichen Schwierigkeiten liegen jedoch beim Warmbreitband-Stahl und der Unzufriedenheit von Klöckner-Chef Herbert Gienow mit der ihm von den Konkurrenten angebotenen Quote bei diesem Ergebnis. Daran konnten auch die beiden Grafen nichts ändern.

Warum er so hartnäckig ist, rechnete Gienow jüngst den Aktionären seines Unternehmens vor. In der Hauptversammlung sagte er über Eurofer I, die im Spätsommer vergangenen Jahres geplatzte erste Produzentenvereinbarung: „Ich erinnere hier daran, daß dieses System 1979 für die stärkste Warmbreitbandstraße Europas, unsere Breitbandstraße in Bremen, nur eine Beschäftigung von nicht einmal fünfzig Prozent der Kapazität zuließ, obwohl wir als einziges Stahlunternehmen in Europa bereits eine Warmbreitbandstraße außer Betrieb genommen hatten. im Durchschnitt aller Breitbandstraßen in Europa lag die Beschäftigung bei siebzig Prozent, für einzelne bei neunzig Prozent. Rund gerechnet bedeuten die zwanzig Prozentpunkte Beschäftigungsunterschied für Bremen annähernd 200 Millionen Mark Ergebnisnachteil pro Jahr.“

Ein Prozentpunkt mehr oder weniger ist demnach für Klöckner zehn Millionen Mark im Jahr wert. Da lohnt es sich in der Tat zu kämpfen. Denn dem Vernehmen nach liegt das Angebot der Konkurrenten an Klöckner noch vier Prozentpunkte unter der durchschnittlichen Auslastung aller Kartellfirmen. Für Klöckner geht es also um vierzig Millionen Mark. Deshalb fordert Gienow für Bremen, „daß die Anlage in ihrer Auslastung zumindest auf den Durchschnitt der europäischen Breitbandstraßen gebracht werden muß“.

Um alle Welt von der Leistungsfähigkeit der Bremer Anlage zu überzeugen, bieten die Klöckner-Mannen jährlich neue Kapazitätsangaben auf. Im vorigen Jahr führten sie den von der EG-Kommission benannten Experten in einem Probelauf eine Monatskapazität von 356 000 Tonnen vor, in diesem Jahr bescheinigten japanische Experten in einem von der Europäischen Kommission veranlaßten Gutachten gar eine Leistung von 450 000 Tonnen im Monat.

Die Konurrenten läßt das allerdings kalt. Sie sehen darin eher einen Beweis dafür, daß man Klöckner doch nie zufriedenstellen könne, daß ein Eingehen auf die Klöckner-Wünsche nur neue Wünsche nach sich ziehe. Mehr Glück hatte Gienow bei der EG-Kommission; die schließlich die Xlöckner-Quote erheblich heraufsetzte – dem Vernehmen nach um 26 Prozent. –, als sie im Oktober vergangenen Jahres den Artikel 58 des Montanvertrages aus der Schublade zog und den Stahlunternehmen Produktionsquoten verordnete. Dafür wurde natürlich anderen Unternehmen etwas abgezogen.