Heidelberg

Freude überkommt jeden baden-württembergischen Sozialdemokraten, wenn er im Land der absoluten CDU-Mehrheit einmal einen SPD-Oberbürgermeister trifft. Obwohl nach wie vor jeder zweite Badener und Schwabe der CDU anhängt, und auch in den Gemeindeparlamenten immerhin noch 40 Prozent der Räte Christdemokraten sind, finden sich, doch ein paar rote Farbtupfer auf der schwarzen Landkarte. Zwar haben die Sozialdemokraten in den letzten Jahren Großstädte wie Karlsruhe und Stuttgart an die CDU verloren, aber im Landesinnern, in Offenburg und Aalen etwa, regieren hin und wieder direkt gewählte SPD-Stadtvorstände gegen CDU-Mehrheiten im Gemeinderat. Nur mit einem dieser Statthalter, dem Heidelberger Oberbürgermeister Reinhold Zundel, ist die SPD noch nie besonders glücklich gewesen.

Zundel, seit 15 Jahren Oberbürgermeister in der Stadt, der Romanzen und der Studentenkrawalle, ist jetzt nach 16 Jahren Mitgliedschaft aus der SPD ausgetreten, weil er mit der Linie dieser Partei nichts mehr gemein haben will. Obwohl die Sozialdemokraten in der Studentenrevolte von 1968 eigentlich dazugelernt haben sollten, betreiben sie seiner Meinung nach immer noch die Anbiederung an die Linke. Die SPD, so liest sich Zundels Abschiedsbrief, habe die Grundlagenforschung ebenso verkommen lassen, wie die Wissenschaftspolitik. Im Wohnungsbau erklärt er seine früheren Genossen gar zu den Schuldigen der heutigen Misere. „Erst als wiederum die Steine flogen, da seid ihr aufgewacht.“ Und jetzt beklage die Heidelberger SPD wiederum Luxussanierungen, die es gar nicht gebe.

Der Anlaß für Zundel war indessen ein Beschluß der SPD-Kreisdelegiertenkonferenz, in dem der Oberbürgermeister ultimativ aufgefordert worden war, Strafbefehle gegen Hausbesetzer zurückzunehmen. Freilich war dies nur das letzte Glied einer Kette von Spannungen und Verstimmungen zwischen Zundel und seiner Partei. Die Heidelberger SPD. kommentierte den Austritt des 51jährigen denn auch mit den Worten, Zundel habe nur einen „seit Jahren bestehenden Zustand“ formell bestätigt.

1966 noch mit Unterstützung der Partei und 267 Stimmen Vorsprung vor dem CDU-Bewerber gewählt, legte sich bald Frost über die politische Ehe. Vor elf Jahren hielt die Heidelberger SPD noch zu der Terrororganisation „Sozialistisches Patientenkollektiv“, während Zundel zu keinerlei Zugeständnissen an die Gruppe bereit war. Dies indessen dürfte eher ein Glückstreffer gewesen sein. Ausgestattet mit der Allmacht eines baden-württembergischen Oberbürgermeisters, sorgte er stets für Recht und Ordnung. Er schickte, oft gegen den Rat der Führung, die Polizei zu jeder kleinen Studentenaktion, ließ Stadtstreicher an den Gestaden des Neckars einsammeln und mobilisierte alle juristischen Tricks, um ein Bürgerbegehren gegen eine umstrittene Stadtteilbebauung in Handschusheim zu unterdrücken. Zwar verbot er auch einen Auftritt der Nationaldemokraten in Heidelberg, hauptsächlich aber richtet er sein Adlerauge nach links. Daß es „sogenannte Rechtsanwälte“ gebe, verbot ihm ein Gericht zu sagen, dagegen bekam er Recht, als er einen Journalisten als „jenseits, der Grenze unseres Verfassungsstaates“ stehend nannte. Einem anderen Journalisten soll er gar gedroht haben: „Ich werde Sie aus der Gemarkung jagen, und zwar barfuß!“ Selbst das Theater versuchte er in seinen Griff zu bekommen, als er einen neuen Intendanten gleichzeitig zum leitenden Kulturbeamten. der Stadtverwaltung machen wollte.

Soviel rigides Stadtmanagement mußte den Ärger einer Partei hervorrufen, die ohnedies ihre Schwierigkeiten im Umgang mit Autoritäten hat. Dies erst recht, wenn, wie im Falle Zundel, die in der Gemeindeverfassung vorgesehene Machtfülle mit der Bereitschaft eines harschen Charakters zusammentrifft, diese Möglichkeiten voll auszuschöpfen.

Als er 1976 wiedergewählt wurde, nannte seine Partei dies ein „Unglück“. Sie verzichtete auf seine Nominierung, was aber den Gewerkschaftsbund oder den SPD-Veteranen Alex Möller nicht darin hinderte, sich öffentlich für Zundel auszusprechen, Er selbst verzichtete formell auf die „Unterstützung jeder Partei“ und erhielt knapp 80 Prozent der Stimmen. Schon damals stand aber insgeheim die CDU zu ihm, die keinen Gegenkandidaten präsentierte. Der frühere CDU-Kultusminister Wilhelm Hahn, der in den siebziger Jahren Seite an Seite mit Zundel gegen das „Patientenkollektiv“ und den Heidelberger Universitätsrektor Rolf Rendtorff gefochten hatte, sprach sich öffentlich für Zundel aus.

Jörg Bischoff