Schaltstellen der Fraktion fester und zahlreicher etabliert als früher.

Ober den Kanzlerkandidaten schließlich soll erst 1983 wieder geredet werden. Gerhard Stoltenberg und Ernst Albrecht behaupten bisher Kronprinzenpositionen. Aber bis 1983 müssen sie erst einmal ihre Landtagswahlen gewinnen, und sollte Kohls Erfolgssträhne anhalten, so wäre ihm eine neue Kandidatur kaum streitig zu machen. Sie würde ihm wie selbstverständlich zufallen, sollte es in der laufenden Legislaturperiode zu einem Regierungswechsel kommen. Zu den unausgesetzten Kontroversen und dem Durcheinander im Regierungslager kontrastieren derart wohlgeordnete Verhältnisse natürlich besonders stark. Vor der dunklen Folie der sozialliberalen Schwierigkeiten blüht Kohls Erfolg um so üppiger. Freilich, so wohlgeordnet wirken die Oppositipnsverliältnisse, daß es Außenstehenden oft Muhe macht, in der Union überhaupt Bewegung z erkennen Tatsächlich ist sie häufig noch mit sich selber beschäftigt. Daß es letzthin gelungen ist, die Fraktion auf Stimmenthaltung gegenüber dem Subventionsabbaugesetz einzuschwören, obwohl Stimmenthaltung für die Union seit den Tagen der Entscheidung über die neue Ost- und Deutschlandpolitik noch immer ein Trauma ist, gilt dann ebenso schon als Erfolg wie die Einigung mit den unionsregierten Ländern, besonders Bayern, bei der Initiative in Sachen Mietwohnungsbau.

Diese Initiative gehört zu den ersten Früchten der Bemühungen, nicht nur auf Bruchstellen in der Koalition, etwa in der Sicherheits- oder der Energiepolitik, zu zielen, sondern dem Regierungsbündnis auch Sachalternativen entgegenzustellen. Daß sich die CDUCSU damit verhältnismäßig sdiwertut, liegt nicht nur an dem mitunter mühseligen Bohren an dicken Brettern oder an dem rigoros exekutierten Vorsatz, möglichst keine ausgabenwirksamen Gesetzentwürfe einzubringen. Vielmehr hängt das oft niedrig wirkende Oppositionsprofil auch mit der Erwartung zusammen, daß die Koalition von selbst auflaufen und sich also auch die (Rückkehr an die Macht wie von selbst ergeben iwerde — der gleichen Erwartung also, der andererseits auch manche Ungeduld entspringt. Der Wahlerfolg in Berlin kann diese innere Disposition nur verstärken. Je schwerer die Schwächeanfälle im Regierungslager werden, desto schwieriger wird sich auch Kohls Vorhaben einer Rundumerneuerung der Opposition anlassen. Ob sich die Union wirklich der Mühe eines langen Anlaufs unterzieht oder doch wiederauf einen kurzen Sprung zurück zur Macht hofft, ist noch nicht entschieden, hängt auch von der weiteren Entwicklung in der Koalition ab. Ohnehin ist dem Versuch, die Diskussionslihien innerhalb der Union behutsam zu verschieben, bisher, noch kein rechter Erfolg — aber auch kein Mißerfolg — beschieden gewesen. Zum Beispiel hat Kohls bemerkenswerte Feststellung in der Bundestagsdebatte über Schmidts Regierungsprogramm : die Verträge mit Moskau, Wärschau und der DDR. seien nicht nur geltendes Recht, sondern "wesentliche Komponenten der deutschen Außenpolitik", in der CDUCSU kein sonderliches Echo gefunden, weder im Positiven noch im Negativen. Ähnlich verhält es sich mit Kohls Warnung auf dem Mannheimer Parteitag, die Proteste der nachwachsenden Generation, einschließlich Drogen, Alkohol und Sekten, nur als radikale Randerscheinungen abzutun — auch das ein ziemlich neuer Ton in der CDU. Solche subkutanen Versuche, Sachpositionen zu modifizieren, bleiben bisher wie in Watte stecken. Auch der für den Spätherbst geplante Sonderparteitag zur Bildungspolitik wird wohl zunächst mehr der internen. Klärung dienen, als daß das Treffen schon nach außen hin deutliche Veränderungen anzuzeigen verspricht.

Unverändert zielt: die Politik aus eigenem Wuchs, die Kohl im Sirin hat, auch auf die Freien Demokraten. Die Oppositionsposition soll so eigenständig, realistisch und von alten Schlakken gereinigt sein, daß sie auch auf die Liberalen anziehend wirkt. Oder anders: FDP Wähler sollen nicht mehr einzusehen vermögen, warum sich ihre Partei noch gegen ein Bündnis mit der Union sperrt. Freilich, je mehr die Koalition über die eigenen Füße stolpert, desto genauer werden nicht nur Stimmgänger der FDP, sondern auch andere Wähler und alle politisch Interessierten hinsehen, welche Alternativen die Opposition wirklich anzubieten hat. Aus dem Windschatten der sozial liberaJen Schwierigkeiten könnte die Union, dannr rasch in beträchtliche Zugluft geraten. Helmut Kohl indes ficht das nicht am Er ver , traut auch da auf seine Politik des langen Atems und auf ein Quentchen Fortune. Die Momentaufnahme zeigt ihn ganz bei sich selber.