„An den Wassern von Rhein und Ruhr“, Gedichte von Bernhard Nellessen. Dieser junge Lyriker, den Heinz Piontek für seine (bei Schneekluth untergebrachte) „Münchner Edition“ entdeckt hat, besitzt mit dreiundzwanzig Jahren bereits, was man eine eigene künstlerische Stimme nennt. Die Gedichte, die sich auf einen sensualistischen Umgang mit den einfachen Dingen des Lebens einlassen, sind fragil, doch sicher und genau. Der graphische Strich verbindet sich mit einer vorsichtigen Neigung zum Kolorieren, Nellessen hat die für einen Poeten gewiß nicht unnütze Eigenschaft, euphorisch werden zu können: „du bist ganz außer dir / wie schön die Promenade / angelegt ist hier unten am fluß / wo man jetzt gehen kann trockenen fußes / / oft sprach keiner von uns / ein wort am Leinpfad wo wir uns trafen / als ich dich kaum kannte / du noch überall hergingst.“ Ob an Rhein und Ruhr oder in Frankreich: der Autor verfährt gemäß einer Maxime von Martin Buber, die ihm als Zwischen-Motto dient: „alles wirkliche leben ist begegnung.“ (Schneekluth Verlag, München, 1981; 70 S., 18,– DM.) Hans-Jürgen Heise

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„Anna Louisa Karsch: Herzgedanken – Das Leben der ‚deutschen Sappho‘ von ihr selbst erzählt“, herausgegeben und eingeleitet von Barbara Beuys. 1762 hatte die (zu ihrer Zeit wohl bekannteste) Dichterin den Auftrag, ihr Leben zu erzählen. Für ihren ersten Gedichtband brauchte man ein Vorwort. In diesen Texten berichtet die „Wunderfrau“ vom „Elend der frühen Jahre“, als sie noch nicht Dichterin, sondern – nach einer ärmlichen Kindheit, in der ein Onkel zwar die Lust am Lesen weckte, die Mutter die Bücher jedoch unter strenge Strafe stellte – in zwei Ehen ungeliebte Frau war, als Mutter von sieben Kindern für den Unterhalt sorgen mußte. Sie lebt auf dem Dorf und verfaßt Gelegenheitsgedichte für Taufen oder Hochzeiten, bis sie von einem wohlmeinenden Adligen entdeckt und mit nach Berlin genommen wird. In der preußischen Metropole wird die Karschin bald geehrt und unterstützt, und hier verliebt sie sich zum erstenmal und fürs Leben: in den Dichter Ludwig Gleim. Der schätzt zwar die 40jährige Lyrikerin, die geschrieben hatte, „meine Dichtkunst, meine Beurteilung, meine Freundschaft und meine Liebe, alles ist Empfindung“, hält sich die Frau jedoch vom Leib; seine Liebesoden gelten in der Kunst, nicht im Leben. In den unzähligen Briefen der Karschin an Gleim – bis zu ihrem Tod finden sich da immer wieder Liebesbezeugungen und Sehnsüchte, die Rede ist aber auch von Arbeitsplänen und vom alltäglichen Leben – entsteht das Porträt der „deutschen Sappho“, die als erste Frau in Deutschland ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdiente: Das war eine großherzige, kluge Frau, die sowohl um die eigenen Schwächen als auch um die sozialen Benachteiligungen wußte, die sich zeit ihres Lebens neben der Kunst um das Geldverdienen kümmerte – die, anders als ihre dichtenden Kollegen, auch einen Blick auf die Hauswirtschaft haben mußt£>ujt4“die versuchte, mit der gleichen emphatischen Empfindung zu leben wie zu schreiben. (Societäts-Verlag, Frankfurt, 1981; 231 S., 24,– DM.)

Manuela Reichart *

„Dom Casmurro“, Roman von Joaquim M. Machado de Assis. Als Autor gefällig romantisierter Liebes- und Gesellschaftsintrigen hat der um sein Aus- sowie Emporkommen besorgte Stotterer und Epileptiker Machado, der ein Mulatte war, zunächst mit literarischen Zugeständnissen an das Salonpublikum des Kolonialbürgertums im brasilianischen Kaiserreich Pedros II. nicht geknausert. Dann, als Ministerialbeamter finanziell abgesichert und später durch die junge Republik als Vorkämpfer für die Abschaffung der Sklaverei geehrt, begründete und leitete er nicht nur die erste brasilianische Akademie, sondern konnte endlich auch das schreiben, was ihn zum ersten Schriftsteller seines Landes von Weltformat machte: Erzählungen und Romane, die unter Verzicht auf sonnig-exotisches Lokalkolorit Lektionen in Desillusion erteilten. Weniger auf eigenen Erfahrungen, um so mehr aber auf Pascal- und Schopenhauer-Lektüre gründend, sah er im Individuum den potentiell bis zwangsläufig Wahnsinnigen – je nachdem, wie weit der einzelne seine Zweifel an Gott und der Welt verabsolutierte. Unbedingter noch als „Bras Cubas“ in Machados berühmtestem Roman tut dies „Dom Casmurro“ („Der Mürrische“) angesichts des mehr vermuteten als bestätigten Ehebruchs seiner Frau mit dem gemeinsamen Jugendfreund. Von jeher krampfhaft eifersüchtig, steigert sich diese neuzeitliche Othello-Figur in aller Eigenliebe und Selbstgerechtigkeit monomanisch in die Rolle des Betrogenen, ohne sich auch nur einmal der eigentlichen Frage, der Frage nach der Erkennbarkeit der Wahrheit, zu stellen, mit welcher der Autor dieses doppelbödigen – Buches den Leser entläßt, ohne ihn wirklich loszulassen. (Aus dem Brasilianischen von Harry Kaufmann; Bibliothek Suhrkamp 699, Frankfurt, 1981; 283 S., 15,80 DM.) Ute Stempel