Iirgendwann war das Thema dran. Irgendwann war es einfach fällig, daß sich wissenschaftlicher Ernst dem Unernst annimmt. Gründlich, fleißig und unter Aufrufung all der Gewährsleute, die sich schon einmal da und dort ihre Gedanken zur „Narren-Problematik“ (als einer vom existentiellen Zwitter“) gemacht haben. Denn das haben wir doch schon bemerkt, daß zum Schalkauge alleweil ein Gegenstück gehört, aus dem die schwere Träne tropft. Nur die Systematik hat uns noch gefehlt.

Die Ausstellung in Duisburg heißt denn auch „Unter der Maske des Narren“, nicht „Die Masken der Narren“. Tiefenarbeit, nicht Typologie. Um die geht es nebenan in Recklinghausen. Ruhrfestspiele. Theater, Zirkus, Lieder, Diskussionen. Und so weiter. In der städtischen Kunsthalle die zugehörige Ausstellung „Fahrendes Volk“. Schöner, sauberer Gewerkschaftston. Leicht pirolenverdächtig. Die Spielleute als Werktätige. Also hinein ins Vergnügen.

Wir sammeln uns mit der Schulklasse am Eingang. Der Kursunterrichtvor Ort – sozusagen am lebenden Objekt – gestaltet sich dynamisch, mit leichtem Trend zum Chaotischen. Die Entdeckerrufe verteilen sich gleichmäßig über die Stockwerke. Auch die Lehrerin möchte angesichts des Karussell-Pferdes vom Anfang des 19. Jahrhunderts eine gewisse wohlige Empfindung nicht verbergen. Jedenfalls ist das nimmermehr der Ort zum Vollzug didaktischer Vorsätze. So wenig eben die Ausstellung didaktisch geradlinig ist, eindeutig scheint.

Bunt ist sie, will sie seir, wie ihr Titel. Zwar möchte auch Anneliese Schröder im Katalog nicht darauf verzichten, bei Ernst Bloch und Walter Benjamin nachzulesen. Aber sonst gibt sich die Ausstellung schwerelos und auf eine nicht unsympathische Weise unordentlich. Eine Loseblatt-Sammlung künstlerischer. Zirkusnummern aus den letzten 250 Jahren. Angefangen bei Hogarths „Wanderschauspieler ziehen sich in einer Scheune um“ bis hin zu Friedemann Hahns „Hawaien Joe mit seinen Riesenschlangen“. Nicht vollzählig, nicht enzyklopädisch, sondern was gerade zu bekommen war. Dietektivische Mühe hat das ja kaum gekostet. Otto Pankok ist mit den Zigeunern gezogen. Otto Mueller auch. Von Léger gibt es Akrobaten, von Erich Heckel und Max Pechstein. Otto Dix hat im Zirkus sein Monstrositäten-Kabinett bereichert. Max Beckmann war auf dem Jahrmarkt. Marc Chagall in der Manege. Und Peter Weiss bei den Hausierern. Bernard Buffets Pierrots sind die kalenderpopulärsten. Klees Seiltänzer scheinen immer so gefährdet und Picassos Artisten sind sicherlich die teuersten. Welcher Künstler der neueren Zeitrechnung – bitte melden – hat der Schaustellerei nicht schon einmal ein Albumblatt gewidmet? Denn, und auch dies wissen wir bereits, das „Lache, Bajazzo“ hat ja auch seine tragische Kehrseite, und dem Harlekin mit den rüden Scherzen ist der feinsinnige Pierrot beigestellt, und jeder Drahtseilakt ist auch immer gleich eine große Lebensmetapher.

Das „fahrende Volk“, das also immer beides ist: unser Traum vom „Fahren“, von der Entledigung unserer Eingepaßtheit – die unter der Schminke und hinter der Larve oder auf dem Trapez aufbewahrte Utopie vom Frei- und Ungebundensein. Und auf der anderen Seite das „Volk“ eben. Die anderen, draußen, außerhalb der Grenzen, Verfassungen und Übereinkünfte. Die „Outlaws“, „Irren“, „Minderheiten“, „Künstler“. So hat der Künstler gerade im Narren-Zitat seine eigene zwiespältige gesellschaftliche Situation beschreiben können. Der Künstler, der bürgerlichen Erwartungen gegenüber zu wählen hat zwischen hochdekorierter Verfügbarkeit und der Einsamkeit unabgesicherten Weiterdenkens, er hat in den ungezählten Zirkusszenen, Rummelplatz-Sensationen und Clowns-Maskeraden, die die Kunstgeschichte anfüllen, auch allemal sich so etwas wie ein Selbstporträt gestiftet.

In Recklinghausen freilich wird keine Theorie illustriert. Das Kirmesdurcheinander duldet alle Stile und hat auch nichts gegen athletische Qualitätssprünge. Und so stört es natürlich auch Picassos „Les Saltimbanques“ überhaupt nicht, daß es von ihnen nur ein Schritt ist zu Adam Hölbings Moritatentafel „Für die Frau in den Tod gegangen“.

So viel Respektlosigkeit würden sich die Duisburger Veranstalter nicht gestatten. Haben wir die amtliche Neugier erst einmal zufriedengestellt, sind wir allein in einer Ausstellung, in der es vor allem still zugeht, auch etwas, getragen. Es ist da gleich dieser andächtige Druck, der von Lesesälen in Bibliotheken ausgeht.