Von Josef Joffe

„Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler“ Matthäus 24,28

Die „rote Linie“, die auf keiner libanesischen Landkarte verzeichnet ist, wurde vor fünf Jahren in London ausgehandelt – im nächtlichen Geheimgespräch zwischen einem arabischen König und einem israelischen Botschafter. Damals festigte sie den Frieden. Heute könnte sie zur Ursache eines neuen Nahostkrieges werden.

Israels Ministerpräsident Menachem Begin droht Syrien mit „militärischen Schritten“, sein Gegenspieler Assad gelobt, keinen Zoll zurückzuweichen. Ronald Reagan hat den Seniordiplomaten Philip Habib als Sonderbotschafter in die Levante entsandt, der Kreml gar den Vizepremier Georgij Kornienko. Dessen Verhandlungsthema in Damaskus: die „israelische Herausforderung im Libanon“. Derweil tagt im Operations Center des Washingtoner Außenministeriums ein Krisenteam rund um die Uhr.

In seinen gerade erschienenen Memoiren Destination Peace („Bestimmungsort Frieden“) beschreibt der israelische Diplomat Gideon Rafael, wie es im April 1976 – auf dem Höhepunkt des libanesischen Bürgerkrieges – zu der denkwürdigen Abmachung zwischen den Erzfeinden Syrien und Israel kam. Die Rolle des Maklers spielte, obwohl nie beim Namen genannt, der jordanische König Hussein. „Es sei in unserem gemeinsamen Interesse“, zitiert Rafael die „hochgestellte arabische Persönlichkeit“ – „die Situation unter Kontrolle zu halten und die andauernden Kämpfe im Libanon einzudämmen.“ Syriens Präsident Assad hatte sich entschlossen, die Christen-Milizen vor der Vernichtung durch die vorwärtsdrängenden Moslem- und PLO-Kräfte zu retten. Aber würde Israel stillhalten?

Rafael flog sofort nach Jerusalem – und kam ein paar Tage später mit einer „beruhigenden Antwort“ zurück nach London. Es war die Geburt der „roten Linie“ – einer geographischen Metapher für einen Katalog von stillschweigenden Wohlverhaltensklauseln: Jerusalem toleriert, die syrische Militärpräsenz im Norden Libanons, doch der Süden bleibt Einfluß- und Pufferzone Israels; Syrien erhält freie Hand, die kämpfenden Parteien am Boden zu zähmen, Israel die: Vorherrschaft in der Luft. Zu den stillschweigenden Abmachungen gehört auch ein lyrischer Verzicht auf die Stationierung von Flugabwehrraketen im Libanon.

Die „rote Linie“ hielt fast auf den Tag genau fünf Jahre lang – bis Ende April 1981.