ZEIT: Herr Minister, die Tarif Verhandlungen in der Metallindustrie haben Rekorde gebracht: Es waren die längsten, die schwierigsten, komplexesten Verhandlungen. Heißt dies, daß die Tarifautonomie funktioniert, oder zeigt dies an, daß die Tarifautonomie zu versagen droht?

Farthmann: Ich habe die teilweise herbe Kritik nicht verstanden, die es in der Öffentlichkeit gegeben hat. Dieses ist die erste Tarifrunde nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die Arbeitnehmer reale Einkommenseinbußen hinnehmen müssen. Es ist die Tarifrunde, der alle entgegengebangt haben, weil alle wußten, daß dies eine ganz besondere Belastung werden wird. Wenn wir uns überlegen, daß diese Tarifrunde, von einigen Warnstreiks abgesehen, ohne einen Tag Streik abgelaufen ist, dann ist das für mich eine erstaunliche Bewährung der Tarifautonomie und der dabei auch obwaltenden Verantwortung beider Seiten, die ich gar nicht hoch genug einschätzen kann.

ZEIT: Offenbär ist aber doch über lange Zeit überhaupt nicht ernsthaft verhandelt worden. Das hat die allgemeine Unsicherheit erhöht. Ist das zu verantworten?

Farthmann: Ich glaube, man, darf nicht die ganze Tarifrunde gleichsetzen mit den Tarifvertragsverhandlungen in der Metallindustrie. Es hat Tarifverhandlungen gegeben, etwa im Bergbau, die mit einer erstaunlichen Schnelligkeit über die Bühne gegangen sind. Oder in der Bauindustrie, die zwar ein Schlichtungsverfahren nach sich gezogen haben, aber auch zügig abgelaufen sind. Und diese haben zu Ergebnissen geführt, die an die Verantwortung der Gewerkschaften bis an die Selbstverleugnung gehende Ansprüche gestellt haben.

Die Tarifverhandlungen der Metallindustrie haben vielleicht bei vielen Unmut hervorgerufen. Aber man muß fairerweise berücksichtigen, daß die deutsche Metallindustrie ein ungeheures Breitenspektrum von sehr verschiedenen Branchen und Unternehmensarten umfaßt. Daß in einem so gewaltigen Bereich ein so maßvoller Abschluß zustande gekommen ist, das allein sollte uns schon den Zeitaufwand wert sein.

ZEIT: Bereits im Januar haben alte Hasen des Tarifgeschäftes aber ein Ergebnis zwischen 4,5 und 5 Prozent vorausgesagt.

Farthmann: Man darf solche Tarifverhandlungen nicht nur mit rationalen Maßstäben messen. In der Gesellschaft, zumal in einer demokratischen, bedürfen gewisse Ergebnisse, die kluge Leute immer schon vorhergesehen haben und die sich manchmal auch bestätigen, eines gewissen psychologischen Reifeprozesses. Was unter Umständen zu einem Zeitpunkt X politisch nicht durchsetzbar ist oder zu Unruhen führen würde, kann drei Monate später sehr viel leichter erträglich sein. Gerade wer in Kosten und Nutzen denkt, der sollte froh sein über lange Verhandlungen, wenn dadurch Arbeitsniederlegungen und soziale Konflikte vermieden werden.