ARD und ZDF, Sonntag, 10. Mai: Die Wahl des französischen Präsidenten

Erster Eindruck: Mitterrand und Giscard fechten ein Duell aus, das den Betrachter aus der Bundesrepublik Deutschland verwirrt. So plump und grobschlächtig und allgemein, ganz wie im eigenen Land, hatte er sich die Debatte nun wirklich nicht vorgestellt. Der eine oberlehrerhaft – „ich sage das nur für unsere Zuschauer“ –, der andere blumig und wolkig – sehr geistreich war die Diskussion nicht. Von Witz und Ironie, von Paraden und Finten, von Attacken des Esprit und blitzenden Repliken – keine Rede! Fast fühlte man sich an den Disput der vier deutschen Männer vor der Wahl erinnert: So simpel war die Demagogie (auf seiten Giscards), so unverbindlich (bei Mitterand) die Entwicklung des Programms – glatt vergeben, vom Sozialisten, die einmalige, mit Hilfe einer zermalmenden Rhetorik auszunutzende Chance des vom Los geschenkten Schlußworts. Bossuet und Clemenceau (der ein Buch über den attischen Redner Demosthenes schrieb) hätten sich im Grabe umgedreht: Statt mit maliziös gespitztem Florett schlugen die Franzosen mit teutonischem Breitschwert aufeinander ein – der bare Hohn, daß sich Giscard den Ton seines Gegners verbat: Ach, hätte es ihn doch gegeben: den Ton!

Zweiter. Eindruck: Zwei Fernsehanstalten berichten über die Wahl – aber in grundverschiedener Weise. Die ARD biedermännisch und hausbacken mit zwei Herren im heimischen Studio und einigen eingeblendeten Bildern von der französischen Television (viel zu wenig auf die Kompetenz des Korrespondenten vor Ort zurückgreifend); das ZDF witzig, präzise, aspektreich.und unterhaltlich – mit dem zerstreuten Rudolf Radke, der in nimmermüden Wiederholungen über das Selbstverständliche ins Staunen gerät, als der Stimme des Volkes; tr.it Scholl-Latour und Alfred Grosser als Kommentatoren auf den oberen Rängen – beide, das Wahlergebnis in geschliffener Rede mit sichtbarem Spaß an der Darbietung analysierend. Wie sie das machten; wie sie den keineswegs starken Abgang der Bourgeoisie an diesem 10. Mai verdeutlichten; wie sie hervorhoben, was es heißt, wenn nach einem Vierteljahrhundert die andere Hälfte eines Volkes das Sagen erhält... das verdient Bewunderung. Ein besseres Team als Grosser und Scholl-Latour läßt sich nicht denken. Die Herren der ARD wirkten dagegen wie Studienräte aus der deutschen Provinz; ehrenwert und langweilig, unfähig zu Sentenz und Pointe.

Dritter Eindruck: Hunderttausende auf den Straßen von Paris, Ausgelassenheit auf dem Platz der Bastille: den 10. Mai wie einen 14. Juli gefeiert! Ein Hauch gewiß nicht von Revolution, aber von Hoffnung, Aufbruch und Frohsinn – und nun auf einmal fand auch Mitterrand die ihm gemäße Sprache zurück. – umringt vom Volk, und nicht im Monologaustausch mit Giscard. Und auch nicht diese Szene allerdings hätte sich das ZDF getrost schenken können – am Familientisch mit seinem Hund, einem Labrador, wie ihn auch Giscard schätze, erklärte Scholl-Latour... was nun freilich ein bißchen zuviel der Kennerschaft war. Die Hundeliebhaberei französischer Staatspräsidenten interessiert hierzulande doch wohl eher am Rande – jedenfalls für jene schlichten Gemüter, die nicht so recht wissen, was ein Labrador eigentlich ist. Momos