Von Michael Jungblut

Geschäftsreisende und Politiker, die in diesen Wochen aus Europa in die Vereinigten Staaten fliegen oder von dort zurück kommen, müssen nicht nur die Zeitdifferenz zwischen den Kontinenten verkraften. Sie erleben daneben auch einen so krassen Unterschied im politischen Klima wie schon lange nicht mehr. Der Ratlosigkeit der Europäer angesichts der zähen Wirtschaftskrise steht vor allem in Washington ein blühender Optimismus gegenüber.

„Dieses Land hatte seine Fähigkeit zum Konsens und zum Kompromiß verloren“, erklärt Senator William Roth, einer der profiliertesten Vorkämpfer für Präsident Reagans neue Wirtschaftspolitik. „Aber jetzt erleben wir den größten Wandel seit vierzig Jahren. Zum erstenmal haben wir wieder ein in sich geschlossenes wirtschaftspolitisches Programm. Vietnam und Watergate sind vergessen. Die Zeiten, in denen über Nullwachstum diskutiert wurde, sind vorbei. Wir wollen jetzt wieder Wohlstand schaffen, nicht in erster Linie verteilen.“

Während in Großbritannien Margaret Thatchers Gewaltkur nicht so recht anschlagen will, in Frankreich Giscard d’Estaing nicht zuletzt wegen seiner wirtschaftlichen Mißerfolge gestürzt wurde, in Schweden die bürgerliche Regierung am Streit über ein bescheidenes Steuersenkungsprogramm zerbrach und in der Bundesrepublik die Haushaltsmisere von Tag zu Tag deutlicher wird, herrscht in Amerika Aufbruchstimmung. Der neue Präsident hat es geschafft, bei Politikern und in der Bevölkerung Begeisterung zu wecken.

Selbst diejenigen in der Wirtschaft, die seine Wirtschaftspolitik mit Skepsis betrachten-, sind bereit mitzuziehen. „Wir können es uns gar nicht leisten, es nicht wenigstens zu versuchen“, erklärt beispielsweise Exxon-Chef Clinton Garvin, der an der Spitze des größten Unternehmens der Welt steht. Senator Roth und mit ihm die meisten republikanischen Politiker sind fest davon überzeugt, daß sie auf dem richtigen Weg sind. Zweifel an der Politik des Präsidenten können sie sich nur damit erklären, daß die Kritiker das Konzept nicht verstanden haben. Nur seine neue, angebotsorientierte Politik könne die riesige Wirtschaftsmaschinerie der USA wieder so in Schwung bringen, daß genügend neue Arbeitsplätze geschaffen, mehr Wohlstand erzeugt und gleichzeitig die Preissteigerungen gebremst würden. „Die alte Politik hat nur zur Stagflation geführt – zu der teuflischen Mischung von wirtschaftlicher Stagnation und Inflation. Jetzt arbeiten Regierung, Gewerkschaften und Industrie gemeinsam daran, aus dieser Sackgasse herauszukommen“, heißt es immer wieder.

Soviel Optimismus steckt an. Als in der vergangenen Woche das Repräsentantenhaus in Washington über den Haushaltsplan des Präsidenten abstimmte, der sich vor allem durch starke Ausgabenkürzungen und Steuersenkungen. auszeichnet, votierten nicht nur Reagans Republikaner, sondern auch 63 Demokraten für dieses Budget, eine der tragenden Säulen der neuen Wirtschaftspolitik.

Es gibt keinen Zweifel, wem dieser Erfolg und der grundlegende Stimmungswandel in Washington zu verdanken ist. „Der Schlüssel zu allem ist der Präsident“, erklärt Roth. „Er stand bisher wie ein Fels.“, Die Amerikaner haben das Gefühl, wieder geführt – werden. Leadership gehört heute zu den meistgebrauchten politischen Begriffen in Washington.