Eigentlich sollte das Klagelied von den fürchterlichen Folgen der Sparmaßnahmen im Bildungsbereich auf der Jahrestagung der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) so laut erschallen, daß dem Bundeskanzler die Ohren klingen. WRK-Präsident George Turner hatte jedenfalls lange vor der Tagung angekündigt, er werde den Kanzler nicht „aus der Verantwortung lassen“. Helmut Schmidt müsse deutlich erfahren, was es bedeute, die Gelder für den Hochschulausbau just dann zu kürzen, wenn die Studentenzahlen so drastisch steigen,

Doch anstatt des erwarteten Tigergebrülls vernahm man aus Aachen eher das Piepsen einer Maus. Gegenwärtig, so die inzwischen hinlänglich bekannte Rechnung, erwarteten die Universitäten einen Ansturm von 1,3 Millionen Studenten, für die sie nur 750 000 Plätze haben, Und das war’s schon. Bis heute fehlt zum Beispiel eine genaue Aufstellung der Universitäten, wo welche Bauvorhaben nicht beendet werden können, wenn die Bundesregierung ihre Kürzung von 150 Millionen Mark nicht zurücknimmt.

Die Rektoren aber hatten anderes im Sinn: Sie ergingen sich in den alten Beschwerden über die mangelnde Studierfähigkeit (siehe auch den Artikel von Andreas Flitner auf dieser Seite) und die sinkende Qualität der Hochschulforschung.

Die Chance, dem Kanzler eine fundierte Rechnung aufzutun, wurde verpaßt. Und Helmut Schmidt war es dann auch ein leichtes, sich ebenfalls in allgemeinen Appellen aufzuhalten: Die Deutschen sollten sich auf ihre alten Tugenden, Fleiß, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, besinnen.

Die Probleme der Hochschulen dürften virulenter sein, als daß sie sich mit solchen Rezepten lösen ließen. Das Zahlen Verhältnis 1,3 Millionen zu 750 000 sagt allein nicht viel aus. Viele Studenten bleiben heute – wegen derschlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt – länger immatrikuliert. Sie haben davon finanzielle Vorteile: Krankenversicherung, möglicherweise Bafög, verbilligte Eintrittsgelder bei Veranstaltungen. Die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche sind überfüllt, aber häufig nur rechnerisch. Die technischen und naturwissenschaftlichen hingegen könnten noch viele Studenten verkraften.

Doch so detailliert wurde in Aachen nicht diskutiert. Jetzt wird die Klage über die Kürzung der Bundesmittel für den Hochschulausbau von anderen aufgegriffen: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg hat angekündigt, er werde vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, um den Bund zur Erfüllung seiner Gemeinschaftsaufgaben zu zwingen. Peter Pedell