Bremen

Was da am vergangenen Freitagabend in der Bremer Fernsehsendung „III nach neun“ zu hören war, mußte auch, abgebrühte Pessimisten verblüffen. Bremer Abiturienten kamen zu Wort: Die Bundesrepublik sei eine Diktatur, sagte eine junge Dame, es gebe ja nur vier Parteien, die alle das gleiche wollten, man könne sich hier nicht selbst verwirklichen, seine Meinung nicht offen sagen, nur wenn man Gewalt anwende, werde man gehört – und so weiter, immer mit Zustimmung der anwesenden Schulkameraden.

Mit diesen jungen Leuten ins Gespräch zu kommen, das ist deshalb so unendlich schwer, weil es offenbar keine gemeinsame Begriffswelt, mehr gibt. Die, die da zu Wort kamen, wissen sie, was Diktatur ist? Was Demokratie bedeutet? Wozu Mehrheitsentscheidungen gut sind? Warum eine Gemeinschaft ohne Recht und Gesetz nicht existieren kann? Die Verfassung oder ein Parteiprogramm haben sie wohl nicht gelesen. Und das ist dann die Schuld von uns Älteren: von gehetzten Eltern, resignierten Lehrern, missionarischen Bildungsreform mern, politisch dilettierenden Pfarrern, ahnungslosen Jugendredakteuren in den Medien.

Die Bremer Talk-Show bot die Chance zum Gespräch. Da wurde die Bundesrepublik mit einem wenig attraktiven Schiff, verglichen, das ein großes Leck habe. Und den Staat als Institution, sagte Thomas. Brasch, der Schriftsteller, müsse man doch in Frage stellen dürfen, ohne daß man gleich eine bessere Lösung wisse. Einmal angenommen, das Gleichnis stimmt: Wenn das Schiff, auf dem man übers Meer fährt, leck ist, und es ist kein besseres in der Nähe – soll man dann ins Wasser springen, oder sich bemühen, das Leck abzudichten? Warum hat das keiner der um brillante Sottisen nie verlegenen Moderatoren diese Kinder gefragt?

Joachim Nawrocki