Jerusalem, im Mai

Auf die Frage, weshalb sich Israel im Libanon verstärkt einmische, antwortete der Generalsekretär des Jerusalemer Außenministeriums, David Kimche, der ZEIT: „Erstens, weil uns die libanesischen Christen um Hilfe gebeten haben. Zweitens, weil sie sind wie wir: sie kämpfen inmitten eines Meeres von Moslems um die Bewahrung ihrer Art zu leben. Drittens, aus humanitären Gründen. Wir können ein Massaker an den Christen nicht zulassen. Wenn das Überleben der Christen gefährdet ist, dann sind wir verpflichtet, ihnen zu helfen – obwohl das letzte, was wir uns wünschen, ein Krieg wäre.“

Ähnlich drückte sich der Planungschef im israelischen Verteidigungsministerium, General Scharoni aus: Das Bekaa-Tal sei eine wichtige Einfallsroute – „der schnellste Weg, Israel zu erreichen“. Außerdem sei der Libanon heute die Brutstätte der PLO. Schließlich gehe es darum, das zerbrochene innere Gleichgewicht zwischen Christen, Moslems und Palästinensern durch die Hilfeleistung für die Christen wiederherzustellen. „Im Libanon“, so der General, „soll offenbar die Einkreisung Israels entlang seiner östlichen Grenzen vollendet werden.“

Noch unverhüllter äußerte sich der streitbare Landwirtschaftsminister Arik Sharon: „Praktisch haben die Syrer das Tal des Libanon annektiert. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß ganz Israel nördlich Haifas innerhalb der Reichweite ihrer Kanonen liegt. Der Krieg dauert jetzt schon fünf Jahre. Rund 120 000 Menschen haben dabei den Tod gefunden, die meisten von ihnen Christen. Es ist erstaunlich, daß die christliche Welt zu den Massakern, zumal zu den Massakern der letzten Wochen, nicht ein einziges Wort gesagt hat. Im übrigen ist der Libanon ein Zentrum des weltweiten, von der Sowjetunion unterstützten Terrorismus. Im letzten Jahr wurden dort weit über 1000 Terroristen aus allen Ecken der Erde ausgebildet – aus Marokko, Angola, Südamerika, Mittelamerika, auch Mitglieder der japanischen Roten Armee, der italienischen Brigate Rosse, der Baader-Meinhof-Gruppe.

Th. S.