Von Horst Bieber

Frankfurt/Wiesbaden, im Mai

Vom Personenschutz hat er nie etwas gehalten. „Wer’s will, der schafft’s auch.“ So pflegte Heinz Herbert Karry alle Aufforderungen abzuleiten, sich oder sein Haus im Frankfurter Stadtteil Seckbach durch Polizei sichern zu lassen. „Außerdem – wer sollte mir etwas tun? Ich tu’ ja auch niemandem was.“ Das war keine Koketterie, sondern die feste Überzeugung des einundsechzigjährigen FDP-Politikers. Auf dem Höhepunkt des Terrors, 1977, trafen ihn Journalisten auf einem Volksfest in Hemdsärmeln, allein im dicksten Trubel. Als sie sich über diesen „Leichtsinn“ entsetzten, konterte er ärgerlich: „So oder so – was soll der ganze Zirkus; soll ich mich selbst einsperren?“

Karry dachte nicht daran. Er war ahnungslos und ungeschützt, als er am Montagmorgen, kurz nach fünf Uhr, im Schlafzimmer seines Hauses erschossen wurde. Der oder die Täter benutzten eine klappbare Aluminiumleiter – auf einer Seite um 32 Zentimeter gekürzt, damit sie auf dem Hanggelände fester stand –, um an das vergitterte, aber offenstehende Schlafzimmerfenster zu gelangen. Sechs Schüsse wurden auf den schlafenden Karry abgegeben, vier trafen ihn in den Unterleib. Seine von den Schüssen aufgeschreckte Frau sah noch, daß mit einer Taschenlampe in das Zimmer geleuchtet wurde, dann verschwand der Schütze. Eine viertel Stunde später war der Notarzt zur Stelle; ein Transport ins Krankenhaus verbot sich wegen der schweren Verletzungen. Trotz aller Bemühungen starb der hessische Wirtschafts- und Technikminister gegen sechs Uhr – der erste bundesdeutsche Politiker, der einem Attentat zum Opfer gefallen ist.

„Warum ausgerechnet er?“ „Aber doch nicht der Karry!“ „Das kann doch keiner verstehen.“ Die Nachbarn reagieren auch vierundzwanzig Stunden nach der Tat mit ungläubigem Entsetzen. Das abgegriffene Wort Bestürzung hat in Frankfurt ausnahmsweise und uneingeschränkt Gültigkeit. Ausgerechnet Heinz Herbert Karry, der nach den Worten des hessischen FDP-Innenministers Ekkehard Gries „wohl Gegner, aber keine Feinde“ hatte. Der beliebt und volkstümlich war, seine Meinung laut und deutlich sagte, aber auch zuhören konnte; der hart, doch fair argumentierte und seinen Gegnern nichts schenkte, sie aber nicht verletzte. Otto Wilke, Fraktionsvorsitzender der Liberalen im hessischen Landtag, brachte es auf die Formel: „Mir ist unverständlich, wie jemand Karry hassen konnte, der ihn persönlich kannte.“

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen alle nach politischen Motiven suchen. Rechtsextremisten? Ein Mann wollte in einem Anruf an die Stadtredaktion von Bild den Mord für eine „Bewegung Drittes Reich“ reklamieren. Diese Organisation ist unbekannt. Zwar machte Karry nie ein Hehl aus seiner teiljüdischen Abstammung, doch als ein Protagonist deutsch-jüdischer Aussöhnung oder deutsch israelischer Beziehungen ist er nie aufgetreten. Linksextremisten? Unvergessen ist seine Rede vor dem Landtag für die DKP-Lehrerin Sylvia Gingold – nicht, weil er für Kommunisten etwas übrig hatte, im Gegenteil, sondern weil er aus persönlichen Erfahrungen Toleranz und Rechtsstaatlichkeit, Verständnis für das Einzelschicksal und menschliche Behutsamkeit bedingungslos vertrat und gewahrt wissen wollte.

Terroristen? Ein Rachemord für den Tod von Sigurd Debus? Der Verdacht liegt nahe, doch selbst am Dienstagabend, als eine Fahndung nach einem jungen Mann und einer jungen Frau ausgeschrieben wurde, galt die Überlegung nur als „möglich“, auf keinen Fall als zwingend.