Von Monika Putschögl-Wild

Es war einmal ein wunderschönes Stück Küste im Südwesten Europas. Die Strände waren von hohen, eigentümlich geformten Felsen begrenzt und mit feinem, weißem Sand bedeckt. Das Land war fruchtbar, und es wuchsen Feigen und Mandeln, Oliven und Orangen. Die Menschen, die dort wohnten, zog es aufs Meer, und wenn sie nicht gerade Sardinen aus dem Ozean fischten, dann eroberten sie ferne Länder. Sie lebten leidlich zufrieden, bis sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Idee kamen, einen Flughafen zu bauen. Und als der Flughafen fertig war, bauten sie Hotels, und als die Hotels fertig waren, bauten sie noch mehr Hotels, und als diese fertig wären, bauten sie Ferienwohnungen. Und weil sie nicht gestorben sind, bauen sie noch heute.

Die Algarve im Südwesten Portugals ist auch noch heute eine der schönsten Küsten Europas. Aber die Algarvios arbeiten im Augenblick so fleißig daran, ihre Küste touristisch zu erschließen, daß sie bald austauschbar werden könnte mit den normierten Feriensilos am Mittelmeer. Die Algarve ist die Stein gewordene Schwierigkeit, eine einmalig schöne Landschaft dem Tourismus zugänglich zu machen. Dabei zählt sie nicht einmal zu den altgedienten Fremdenverkehrszentren.

Obwohl den Reiz dieser Küste schon die Mauren zu schätzen wußten, die im Jahr 711 von Cadiz aus die Algarve vereinnahmten und fast ein halbes Jahrhundert blieben. Ein bißchen was haben sie auch hinterlassen. Zuvörderst den Namen: Algarve leitet sich ab von „al-gharb“, der Westen, westlichster Punkt des arabischen Imperiums. Dann vermachten sie den Algarvios ein paar (im Vergleich zu Spanien schlichte und wenige) Bauwerke, ferner Nachspeisen von Webende bunter Süße und schließlich – zumindest will’s die Legende so – die Mandelbäume. Ein Maurenprinz, der ein Edelfräulein aus dem hohen Norden Europas gefreit hatte, befriedigte die Schneesehnsucht der Edeldame mit einem Meer schweeweißblühender Mandelbläume, die er für sie pflanzen ließ.

Lange Zeit war die Algarve ein vergessenes Stück Europa. Wie wichtig sie für Portugal werden sollte, zeigte sich erst über hundertfünfzig Jahre nach der Maurenaustreibung. Dom Henrique, dritter Sohn des Königs João I, ging unter dem Namen „Heinrich der Seefahrer“ nicht nur in die portugiesische Geschichte ein. Der Asket wandte sich von der Welt ab und völlig dem Meer zu. Nahe dem südwestlichsten Punkt Europas, bei Sagres, richtete er eine nautische Schule, ein, die den Ruhm der portugiesischen Seefahrt begründen sollte. Sie stand an einer Stelle, wo-sich die Felsen zur rauhen Steilküste auftürmen, wo über die plötzlich karg gewordene Ebene ein strenger Wind peitscht. Bei Sagres stürzt sich Europa ins Wasser, ist die Erde zu Ende, weil sie eine Scheibe ist, glaubten viele noch zu Heinrichs Zeiten. Wer heute auf den Klippen steht und auf den nicht endenwollenden Horizont starrt, der sich irgendwo ganz fern mit dem Grau der Wellen vermengt, dem mag dieser Glaube so unglaubwürdig gar nicht scheinen.

Heinrich jedoch sammelte die besten Kartographen seiner Zeit um sich, überzeugte – seine Seefahrer, daß es immer irgendwo weitergehen müsse und er, der nie an einer der Expeditionen teilgenommen hat, ließ sie entdecken. Und sie entdeckten Madeira, die Azoren und die Kapverdischen Inseln, Gil Eanes erreichte Sierra Leone.

Heinrichs Ruhm währt heute noch und wird an der Ponta de Sagres, einem Nationalheiligtum, eindrucksvoll verkündet. Ein pathetisch-schöner Film mit Darstellern wie Wachsfiguren, verschwommenen Farben, aber dafür auch in deutscher Sprache, erzählt vom asketischen Leben des entdeckungswütigen, wissenschaftsgläubigen Königssprosses. Die Festung, in der Heinrich seine Seemannen schulte, ist nachgebaut, schlichtes Gemäuer mit Ozeanblick, in den Häusern heute eine Jugendherberge.