Tutanchamun in Hamburg
Wunderbare Dinge
Es klingt wie eine Mischung aus Kriminalroman und Märchen: „Zuerst konnte ich nichts sehen ... aber dann, als meine Augen sich an das Licht gewöhnten, kamen Einzelheiten hervor, fremde Tiere, Statuen und Gold, überall das Leuchten von Gold. Für einen Moment war ich wie vom Donner gerührt, und als Lord Carnarvon, der die Spannung nicht länger ertragen konnte, aufgeregt fragte „Können Sie etwas sehen"? brachte ich nur die Worte hervor Ja, wunderbare Dinge'.
Die wunderbaren Dinge, die Howard Carter am 26. November 1922 in der Vorkammer des Grabes des ägyptischen Königs Tutanchamun im Tal der Könige sah, hatten hier seit über 3000 Jahren unberührt gelegen (die Grabplünderer, die auch hier am Werke gewesen waren, waren kurz nach der Bestattung eingebrochen, dann wieder verjagt und das Grab neu versiegelt worden). Gefunden und registriert wurden über 5000 Einzelstücke, 55 besonders wunderbare Dinge, die Carter (im siebten Jahr seiner Grabungen und nachdem er rund 200 000 Tonnen Sand und Geröll vergeblich von links nach rechts geschaufelt hatte) in den vier Kammern fand, sind jetzt im Hamburger Museum für Kunst und.Gewerbe ausgestellt. Hamburg ist die letzte Station der Ausstellungstournee nach fünf Reise-Jahren in Amerika und Europa, und nachdem Tutanchamun seinem Museum rund fünf Millionen Dollar eingespielt hat, reisen die Schätze nach Kairo zurück..
Tutanchamun — in New York vor allem fing das an, eine Massenhysterie . zu werden, mit schwarzgehandelten Eintrittskarten und T-Shirts, Aber.auch in Europa wanden sich die Besucherschlangen um die Museen : und versuchte man, frei nach dem amerikanischen „Hi, Tut!", sich schukerklopfend anzubiedern ,bei; der "fremden Größe. Wer daraufhin:nun seine private Ami-. hysterie pflegt und sagt, er könnte von Tut nichts mehr hören, der freilich ist hochwillkommen, denn er wird gewiß niemand anderem, der etwas sehen will, in der Ausstellung den Blick versperren. Aber wer Lust am Schauen hat und Freude an der Intelligenz menschlicher Phantasie und Gestaltungskraft, der sollte diese letzte Gelegenheit nutzen, um die Ausstellung zu sehen.
Was in den dunkelblau ausgeschlagenen Räumen des Hamburger Museums unter kugelsicheren Glasstürzen, Stück für Stück mit dem Punktstrahler aus der Grabdunkelheit herausgeholt, zu sehen ist, ist von überwältigender Schönheit, gelegentlich auch von einer Kinderzimmer-Zierlichkeit (der König war 18 Jahre alt, als er starb) und zärtlichen Heiterkeit (wie zum Beispiel die familiären Darstellungen, von König und Königin auf den Seiten des Statuenschreins). Ob es eine ölvase ist aus Alabaster oder jiie berühmte Goldmaske: da ist nichts prunkend Auftrumpfendes, keine Exzentrik, aus wenigen, kostbaren Materialien und in einer kleinen Farbskala entfaltet sich ein leuchtender Reichtum der Formen und Farben.
In Europa herrschte seit Herodot und Shakespeare und bis zu Verdi und C. G. Jung schon immer die Ägyptomanie. Vor den Grabbeigaben des Knaben-Königs läßt sich feststellen, daß es selten bessere Gründe gab für eine Manie. (Museum für Kunst und Gewerbe bis 19. Juli, Katalog 15 Mark.) Petra Kipphoff
- Datum 22.5.1981 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.05.1981 Nr. 22
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