Breisach

In zwölftausend Stunden werden bei uns die ersten Pershings und Cruise Missiles stationiert, und wir wissen immer noch nicht, wie das zu verhindern ist“, drängt ein Teilnehmer die Versammlung. „Im Ernstfall... nur mit Liebe“, murmelt eine weißhaarige Frau hinter mir, eine von rund 4000 Teilnehmern am „Friedensfest der Grünen“. Mit dem Selbstbewußtsein einer durch die Friedensbewegung erstarkenden Partei hatten sie sich am vergangenen Wochenende in Breisach auf einem idyllischen Wiesengelände zwischen Stadtmauer und Rhein versammelt. Es war ein Fest, das nicht nur die Gegnerschaft zu Aufrüstung von Nato und Warschauer Pakt verdeutlichen, sondern auch das Bedürfnis der Grünen und Alternativen zeigen sollte, friedlich miteinander zu arbeiten und zu feiern.

Jeder durfte für sein Anliegen werben: für Kommunismus, Anarchismus oder „Zinsfreiheit bringt Menschenrecht und Frieden“. Dazu indische Kleider, alternatives Brot, Bio-Gemüse und makrobiotische Kost; auch elsässischen Ziegenkäse aus einer alternativen Genossenschaft und frisch geräucherte Forellen.

Die Suche nach neuen Formen politischer Arbeit und Kommunikation aber geriet zu einer zwiespältigen Mischung aus grünem Familientreffen und alternativem Pfadfinderlager, mit einem kräftigen Schuß neuen Biedermeiers. Die Redner bemühten sich, technokratische Kälte und politischen Jargon zu vermeiden. Bei dem Amerikaner Daniel Ellsberg, der die Pentagon-Papiere veröffentlichte, klang das Pathos seiner Rede noch natürlich, da er selbst ein Stück Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verkörpert. Andere dagegen übten sich in pietistischem Eiferertum.

Alternative Verteidigungskonzepte waren ein zentrales Thema: das der „sozialen Verteidigung“ von Theodor Ebert und der „defensiven Verteidigung“ des Starnberger Friedensforschers Horst Afheldt. Daneben die Forderungen der Grünen: sofortige Aufhebung des Nato-Doppelbeschlusses, Kürzung des Verteidigungshaushaltes um 30 Prozent von 1982 an, keine ABC-Waffen in Europa, kein Waffenexport aus der Bundesrepublik; mehr Zusammenarbeit mit osteuropäischen Gewerkschafts- und Bürgerrechtsbewegungen, speziell in Polen; Unterstützung sowohl des „Krefelder Appells“ als auch des „Aufrufs der Russell-Peace-Foundation“, gewaltfreie Blockaden vor Atomraketenlagern.

Das Friedensfest endete mit Liedern aus den Bauernkriegen und einem „Geschenk an die Breisacher Bürger“. Eine kleine Gruppe säte wilde Blumen in Form eines großen Peace-Zeichens in den Park. Die Pflege des Blumenzeichens wurde den Breisachern vertrauensvoll ans Herz gelegt.

Emanuel Bohn