Tübingen

Fünfunddreißig Jahre lang würde Aktenmaterial des NS-Rassehygiene-Instituts Berlin, das Volk der Sinti betreffend, mehr als nachlässig behandelt. Mal tauchte die sogenannte „Zigeuner-Kartei“, die umfangreiche anthropologische Daten enthält, bei einem Professor in Landau in der Pfalz auf, dann in einem Archiv der Universität Mainz und schließlich in einem Keller der Tübinger Hochschule. Da die 20 000 Aktenbündel und Genealogien im Hitler-Deutschland eine Rolle bei der Einweisung von Zigeunern in Konzentrationslager gespielt hatten, ja, nicht wenige der in der „Kartei“ geführten Familien ermordet wurden, forderte der Verband Deutscher Sinti in Heidelberg schon 1979 die korrekte Verwahrung des NS-Materials im Bundesarchiv in Koblenz. Doch nichts geschah, bis in der vergangenen Woche achtzehn aus ganz Süddeutschland angereiste Sinti-Mitglieder einen Archivkeller der Universität Tübingen besetzten. Noch am Abend desselben Tages wurde die berüchtigte „Zigeuner-Kartei“ mit einem Kleinbus ins ferne Koblenz gebracht, wo sie jetzt nach Aussage der Behörde „unter sicherem Verschluß“ ist.

Das Bundesarchiv, ja selbst das Bundesinnenministerium weiß schon seit zwei Jahren durch eine Anfrage der FDP-Abgeordneten Helga Schuchardt von der Existenz der Akten. Anstatt sie aber, wie es das Datenschutzgesetz vorschreibt, ordnungsgemäß zu verwahren, überließ das Bundesarchiv sie dem Anthropologischen Institut der Universität Mainz zu nicht näher bezeichneten Forschungszwecken. Vor einem Jahr „reiste“ die Kartei auf Staatskosten nach Tübingen, angefordert von der 78jährigen, längst pensionierten Anthropologie-Professorin Sophie Ehrhardt. „Der genaue Gegenstand der Forschungen von Frau Ehrhardt ist uns nicht bekannt“, teilte das Bundesarchiv im Juli 1981 dem Sinti-Vorsitzenden Romani Rose in Heidelberg mit.

Auch die Tübinger Universität hatte, wie der stellvertretende Präsident Hans-Werner Ludwig nach der Besetzungsaktion sagte, „keine Ahnung“. Dafür aber wußten die Sinti über die emeritierte Anthropologin: Sophie Ehrhardt war als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Bevölkerungsbiologie am Reichsgesundheitsamt an der Ausarbeitung der „Zigeunerkartei“ beteiligt. Was sie über das Volk der Sinti und Roma damals dachte, steht in einem in der Nazi-Zeit veröffentlichen Artikel der Zeitschrift Volk und Rasse „Die Zigeuner sind ein primitives Volk, primitiv in ihrem Denken und Handeln.“

Während die 78jährige ihr spätes Forschungsinteresse als völlig harmlos, in keiner Weise diskriminierend und „von rein anthropologischer Natur“ bezeichnete, distanzierte sich der Leiter des Anthropologischen Instituts in Tübingen, Professor Horst Ritter (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Leiter des NS-Rassenhygiene-Instituts Berlin, Robert Ritter!). Schon 1969 habe er Sophie Ehrhardt verboten, mit diesem NS-Material zu forschen.

Weder das Bundesarchiv Koblenz noch die Universität Tübingen wußten Genaues über die Ehrhardt’schen Forschungen, ein Mitarbeiter der Professorin aber, Alfred Czarnetzki, erklärte in einem Leserbrief in der örtlichen Presse, daß die laufenden Forschungsarbeiten von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert worden seien.

Den Verband der Sinti interessiert das Schwarze-Peter-Spiel wenig. Er vermutet, wie aus einer Presseerklärung hervorgeht, daß Sophie Ehrhardt möglicherweise belastendes Material aus den 20 000 Akten entfernen wollte. Wegen ihrer Mitarbeit an dieser „Zigeunerkartei“ wollen die Sinti gegen die Professorin eine Anzeige wegen Beihilfe zum Mord erstatten.