Von Reinhard Baumgart

Bilde, Künstler! Rede nicht!“ – wie die meisten geflügelten Worte ist auch dieses von Goethe merkwürdig flügellahm geworden (und wer weiß schon noch, wie der Zweizeiler weiterläuft: „Nur ein Hauch sei dein Gedicht.“) Jeder geweckte Teilnehmer an einem Leistungskurs Deutsch könnte dieses Aufsatzthema bearbeiten mit Gegenbeweisen, um unter Heranziehung von Proust und Thomas Mann, von Böll, Kluge, Heißenbüttel und wer weiß wem noch darzulegen, daß in moderner Literatur die notwendige Reflexion des Materials gerade den erzählerischen Diskurs...

Und so weiter. Man weiß so etwas, und der Leistungskurs Deutsch verlangt ja nur dieses patente Wissen, also keine Überzeugung. Denn am Abend zieht man, als wäre nichts gewesen, sich gern wieder zurück in die mythologischen Höhlen des Kinos, zu Hitchcock und den Seinen, wo viel geschieht und wenig beredet wird, wo Fabeln hoch funktionieren und Figuren wie unvergeßlich aussehen.

Wir alle leben also auch im Ästhetischen längst in und zwischen zwei Kulturen, und je bildloser und gebildeter die eine operiert, je aufdringlicher etwa Rhetorik als innerster Motor und glänzende Hülle unserer Literatur sichtbar wird – und das tut sie ja in weltenfern voneinander entfernten Texten, bei Grass und Thomas Bernhard, bei Heiner Müller oder Gabriele Wohmann oder Ludwig Harig –, desto anziehender wird das entlastende Angebot aller immer noch bildenden, immer noch nicht redenden Künstler und Künste.

Peter Handkes drei Bücher lange Anstrengung, aus einer alles verschlingenden Redseligkeit zu entkommen in Anschauung, geradezu in ein neues Welt-Bild, die mag man bestaunen oder belächeln, für reaktionär oder für die gegenwärtigste Zukunft halten –: in jedem Fall hat Handke, rechtzeitig wie immer, also etwas früher als die anderen, empfindlich und energisch reagiert auf eine lähmende Situation.

Das neue Buch von Botho Strauß, so scheint es, entläuft dieser Lage in die Gegenrichtung –

Botho Strauß: „Paare, Passanten“; Hanser Verlag, München, 1981; 205 S., 25,– DM.

Eben noch, in „Rumor“, waren eine Figur und eine Erzählung untergegangen in Rhetorik, im offenbar unwiderstehlichen Sog einer Weltjammer-Suada. Als könnte der epische Bericht, der doch versprochen war, gar nicht mehr halten, was gesagt werden wollte. Aber versprochen ist diesmal gar nichts, nur Prosa, und frei, als gäbe es keine Grenzen und Gattungen, beginnt nun Strauß, sein altes thematisches Arbeitsfeld neu zu vermessen und umzupflügen, erzählend, klagend, kommentierend und (leider auch) leitartikelnd, autobiographische Fragmente, Aphorismen, Träume, schlagend pointierte Szenen und Lesefrüchte in eine unmerkliche Komposition zusammenmontierend.

Für Zusammenhang sorgt schon das thematische Zentrum des Bandes, das der Titel mit zwei Signalworten benennt. Etwas genauer und pathetischer ausgedrückt: das gesellschaftliche Schicksal der Geschlechter, ja der Liebe unter Lebensformen, in denen wir voneinander immer unabhängiger, vom Ganzen aber immer abhängiger werden sollen“.

Von nichts anderem hat ja Strauß, ob in Gedichten, in erzählender Prosa oder in seinen: Stücken, bis jetzt geredet. Dieses Nebeneinander-Aneinandervorbeigehen wird auch jetzt wieder, gleich auf den ersten Seiten und in Sprachstücken von knapp oder gut einem Dutzend Zeilen, so graziös und erbittert inszeniert und kommentiert, daß man immer wieder meint, nun wäre das Thema ausgeschöpft, erschöpft, erledigt. Aber Strauß benutzt diese jäh einleuchtenden Szenen nur, wie er später einmal sagt, als „Eingang zu einem längeren Vermuten“, und das zieht und dreht schließlich den ganzen gegenwärtigen Weltzustand in ein klagendes, melancholisch wütendes Bedenken.

Eine wahre Erotik des Trauerns arbeitet in dieser Prosa: als wäre nur etwas Verschwundenes oder Entschwindendes noch begehrenswert. Denn auf eine emphatische Gegenüberstellung von Einst und Jetzt sind nahezu all diese Maximen und Reflexionen stilisiert. „Das Schreiben so formuliert Strauß (nicht zum ersten Mal) sein literarisches Glaubensbekenntnis, „deutet die Sachlage des Fehlern. Alles fehlt, wo der Buchstabe ist. Die entschwundenen Dinge, den entschwundenen Leib zu begehren ist die ursprüngliche Erotik der menschlichen Sprache...“

Der romantische Zungenschlag kann täuschen. Darüber zum Beispiel, daß ja Schiller seine sentimentalische Dichtung kaum anders definiert hat als Strauß sein Schreiben. Darüber auch, daß dieses Buch und sein Autor in jener langen Tradition von Kultur-, nein Zivilisationskritik stehen, die Rousseau eingeleitet und Nietzsche in ihrer vollen Widersprüchlichkeit entfaltet hat, so daß an ihr seitdem, ob an der „Dialektik der Aufklärung“ oder dem „Eindimensionalen Menschen“, an Foucault oder Pasolini, die beliebte Fangfrage Rechts oder Links? immer wieder gescheitert ist. Dieses patente Entweder-Oder greift also auch hier ins Leere.

Unübersehbar ist nur, daß Strauß allem Progressismus, in Kunst und Gesellschaft, gründlich mißtraut. Für ihn besteht unser fortgeschrittener Zustand schließlich nur darin, daß alles den Gesetzen des Markts und der Passage unterworfen ist, also austauschbar, flüchtig, wurzellos: „Verfluchte Passanten-Welt ruft er aus. Alles ist mobil, jeder wie gelähmt.

Wie geläufig zum Beispiel flutscht Sprache aus den Köpfen der „Gegenwartsfreaks“, und wie gelähmt scheint dieser mobile Jargon, wenn etwas Wesentliches, ob Glück oder Unglück, ausgedrückt werden soll. Zum Beweis stellt Strauß eine Selbstmordsüchtige absprungbereit und doch um Hilfe rufend ins oberste Stockwerk eines Apartmenthotels: „Eine Königin der höchsten Not, versammelte sie nach und nach zu ihren Füßen ein kleines Volk, die Untertanen ihrer Leidenschaft.“ Doch am Abend ist diese Herrliche dann, gerettet, in der Regionalschau des Fernsehens kaum noch wiederzuerkennen, denn nun blubbert aus ihr nur noch die zuhandene Fertigteilsprache: „Peter is soweit von eifersüchtig. Ich wußte ja nich mehr, wo ick mir befinde. Ich hatte ja keene Wahl.“

Ein Musterfall unter vielen. Menschen werden, wie auch in den Stücken von Strauß, vorgeführt als Figuren, ja als Beweisstücke. Eine gewisse Unbarmherzigkeit gehört nun einmal zum Geschäft des Moralisten. Schließlich soll nicht das Individuum gefeiert, sondern der einzelne als Gesellschaftspuppe und Verhaltenssystem gezeigt werden, verfangen „ins Netzwerk von Trieb und Triebverstörung, von Motiv und Scheinmotiv...

Wir sehen etwas furchtsam hin und denken rücksichtslost ...wo bleibt das Unverhoffte und die autonome Handlung?“

„Furchtsam“ und „rücksichtslos“ da hat Strauß seine widersprüchliche Haltung wieder auf das Anmutigste definiert und erwischt. Denn natürlich schreibt auch er nicht nur als empfindsamer Fremdling und Samariter über seine Jetztzeit und ihre Opfer. Die Passanten behandelt auch er immer wieder als Passant, fremd und distanziert, genau, weil befremdet. „Das tiefe Desinteresse aneinander“, das er als Lebensbedingung im allgemeinen „Verkehrsfluß“ diagnostiziert, schärft auch seinen Blick. Nur kann er den bösen Blick auch immer wieder trauernd, fast zärtlich zurücknehmen, wenn er seine Gegenwartsbefunde als Verlustgeschichten begreift und seine Zeitgenossen als Gefangene eines „gesellschaftslosen Daseins“.

Sprachlos, gesellschaftslos, geschichtslos, kunstlos, ahnungslos, gesichtslos, hoffnungslos, angstlos und haltlos – die Verluste, unter deren Zeichen Strauß diese Gegenwartswesen oder -unwesen sieht und beschreibt, lassen sich kaum nachzählen, aber die Generalformel für alle lautet: „gezwungenermaßen frei“ (die Dialektik der Aufklärung, auskristallisiert zum Aperçu). Entsprechend krampfhaft schwungvoll wird vor allem das „Lieben abseits der Liebe“ abgewickelt:

„Sie sind Körperfreunde. ... Die Angst gehört den Atomkraftwerken. Keiner ist mehr gezwungen, sie an ihrer geschlechtlichen Quelle selbst zu ertragen Auch die „Beziehungen“ („allein das Wort... wirkt sich handschweißhemmend aus“) lassen sich ja regulieren durch „permanente Diskussion, um sich vor Glück, Unglück und anderen Unbegreiflichkeiten zu schützen“.

Daß unter solchen Diagnosen eine heikle Untermelodie, ein konservativer Sirenengesang mitläuft, das brauchen wir diesem Autor nicht naseweis vorzuhalten, er weiß das selbst und hat auch dieses Bedenken immer wieder in seine Texte eingeschrieben. Trotzdem also hält er fest an dem, was er einmal den „extremen Traum von geschichtlicher Geborgenheit“ nennt. In einem der schönsten Stücke des Bandes wird dieser Traum und seine Widersprüchlichkeit zurückverfolgt bis in die Kindheit, bis in den täglichen Blick auf einen Fluß und auf sein Gegenufer, „die andere Seite des Flusses ..., welche die des Nicht-Vergehens und der Stille ist“.

Heikler wird die Sache erst, wenn Strauß seine archaischen Gegenbilder zur verfluchten Passanten-Welt zitiert. Da ist der Tod einer Krebskranken – wahrgenommen durchs Medium eines Fernsehfilms. Da ist die verschollene Kultur der Armut – erlebt an Hand von Olmis Film „Holzschuhbaum“. Da wird emphatisch beschrieben, wie kurz und entschlossen eine Indianermutter, im Schutze einer noch „lebendigen Gemeinschaft“, die Trauerarbeit um ihr gestorbenes Kind ableistet – und wieder dient ein Film als Beweisstück. Da wird die „Klausur einer radikalen Liebe“ nachvollzogen – aber interpretiert wird nur deren Inszenierung in Oshimas „Reih der Sinne“.

Traurige Ironie: alle diese Botschaften eines wahren, unmittelbareren Lebens erreichen den Sehnsüchtigen nur noch vermittelt durch die Apparaturen der gleichen technischen Bilderindustrie, die gerade die Auslöschung aller Wahrheit und Unmittelbarkeit des Lebens, die „behutsame Trennung des Menschen vom Menschlichen“ unaufhörlich mitbesorgt. Straußens Erinnern und Vermuten darüber, wie eine Welt vor ihrem Untergang in die mediale Vermittlung ausgesehen haben könnte, beugt sich über ein sinnlich anrührendes Material, das weder sinnlich noch berührbar ist.

Kein Wunder, wenn sich eine Spur von nur halb entschlossener Trauer, von Resignation nämlich durch alle diese Notizen zieht. Als wäre dem Unheil, dem Sog der Passage, des Markts, des „Verkehrsflusses“, der „Vernetzung“, der allgegenwärtigen medialen Bestrahlung und Zer-Strahlung ohnehin nicht mehr zu entkommen. Außer eben in den „Schrieb“, die Verweigerungsgeste auf dem Papier: „Es schafft ein tiefes Zuhaus und ein tiefes Exil, da in der Sprache zu sein.“ Kommt diese Rettung in vielen Sätzen nicht allzu schnell, prompt, zu selbstgewiß? Denn wieder fällt auf, wie anmutig Strauß noch seine Verzweiflung, noch seine Wut formulieren kann. Zum Äußersten läßt es schon seine Sprache nicht kommen. Aber da verbirgt sich beileibe nicht nur ein sprachliches Problem.

Dreimal taucht in dem Buch Adorno auf, auf der vorletzten Seite noch, als gespenstisches Trugbild auf dem Markusplatz in Venedig, einmal vorher als der Autor der „Minima Moralia“: „Heimat kommt auf (die doch keine Bleibe war), wenn ich in den ‚Minima Moralia‘ wieder lese. Wie gewissenhaft und prunkend gedacht wurde, noch zu meiner Zeit! Es ist, als seien seither mehrere Generationen vergangen.“

So wahr sich der Band von Strauß auch an Adornos „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ orientiert, so wenig kokett klingt seine demütige Einsicht, daß gerade dieses Vorbild längst unerreichbar geworden ist. Das liegt freilich weder am „Prunk“ noch an der „Gewissenhaftigkeit“, wohl aber an der zarten, unnachgiebigen Konsequenz seines Denkens, an der Hegelschen Tradition, in der es sich, wie frei auch immer, noch bewegt.

So entstand damals ein offenes und doch festes Gebilde von Widerstandsgedanken, das Strauß und uns nun wie ein Inbegriff von Ordnung, Unterkunft und Geborgenheit, von (verlorener) „Heimat“ erscheinen kann, und das sogar der behäbigen Warnung „Bilde, Künstler! Rede nicht!“ entkommen ist: Adorno ist zweifellos, vielleicht gegen die eigene Absicht, auch eine literarische Struktur, ein Werk gelungen. Dazu läßt es die inständige Atemlosigkeit, die Geistesgegenwart und ständig neu ansetzende Emphase, mit der Strauß auf seine Zeit reagiert, einfach nicht kommen.

Immer wieder führt der Anlauf des Wunschdenkens ins Offene: „Und doch: wie möchte man sich immer mehr von diesen Menschen der Stunde, den ganz und gar Heutigen unterscheiden. Wie wenig könnte es befriedigen, nur und ausschließlich der Typ von heute zu sein. Die Leidenschaft, das Leben selbst braucht Rückgriffe (mehr noch als Antizipationen) und sammelt Kräfte aus Reichen, die vergangen sind, aus geschichtlichem Gedächtnis. Doch woher nehmen ...?“ Diese Gedankenpunkte stehen so im Original. Daß es seine offenen Fragen, seine Ratlosigkeiten offenherzig herzeigt, gehört immerhin zur Qualität dieses Buches, wir sollen hier zu nichts überredet werden, und gerade deshalb, paradoxerweise, ist der Band nach einer einzigen Lektüre noch längst nicht ausgelesen.