Das Leben rechnet nicht mit Träumen
Von Anni Carlsson
Im Jahr 1869 sandte der zweiundzwanzigjährige Jens Peter Jacobsen (1847—1885), der seit seinem neunten Jahre Verse schrieb, seine Gedidite an Georg Brandes und schrieb im Begleitbrief, den er als „Beitrag zur Psychologie eines Monomanen verstanden wissen wollte: „Es ist nämlich meine anhaltende Monomanie, daß ich ein Dichter bin 187172 schrieb Jacobsen, nun Student der Botanik und der Naturwissenschaften, Aufsätze über Darwin, übersetzte dessen „Ursprung der Arten" ins Dänische und erhielt 1873 für die Arbeit über eine spezielle Algenart die Goldmedaille. Im gleichen Jahr zeigte sich bei ihm eine weit fortgeschrittene Tuberkulose, für deren Ausheilung die Ärzte ihm keine Hoffnung machten. Die Frage, ob er „die Leier oder das Mikroskop" wählen sollte, war damit zugunsten der Dichtung entschieden: Er konnte das Studium in Kopenhagen nicht fortsetzen ; "Abgesehen von der ersten Novelle „Magens (1872), mit der Jacobsen sogleich zuÄ „Marschall der dänischen Literatur" avancierte, hat er sein Werk — die beiden Romane „Frau Marie Grubbes (1876) und „Niels Lyhne" (1880) sowie fünf wei tere Novellen — langsam der Krankheit abgerungen. Obwohl es ihm „klarer und klarer" wurde, „daß mein ehrgeiziger Jugendtraum sid) nie erfüllen wird: vierzig Bände gesammelte Werke zu hinterlassen", wußte er auch, daß Qualität die fehlende Masse ersetzen und ausgleichen könne. Am 28. April 1880 schrieb er (leicht selbstironisch) an Edvard Brandes: „Wenn ich über die drei, vier letzten Jahre meines Lebens eine Überschrift setzen sollte, so würde ich wählen: Zwischen den Schlachten oder auch: Während sie kämpfen. Denn was haben nicht alle Menschen gelebt, während ich mit geschlossenen Augen dagelegen und mich umgesehen habe. Aber dennoch! . Ich glaube, ich habe durch das Schlafen gewonnen . Reden ist schlechtes Silber, Schweigen ist Gold, und all das Gold, das ich in vier langen Jahren zusammengeschwiegen habe, wird vergoldend auf meine vergessene Gestalt fallen wenn ich wieder hervortrete "
Beide Romaae: „Marie Grubbe" und „Niels Lyhne" sind nach innen gewandte Geschichten. Für „Marie Grubbe" hat sich Jacobsen noch in Kopenhagener Archivstudien aus alten Tagebüchern, Akten, Briefen und alten dänischen Dialekten eine vergangen gegenwärtige Sprache stilisiert. Solche Studien auch für den geschichtlichen Hintergrund des „Niels Lyhne", für die „Geschichte einer Jugend" zwischen 1830 und 1864 zu machen, mußte er sich wegen der Krankheit versagen.
Zieht man Jacobsens Briefe lind Gedichte hinzu, so zeigt sich, daß er sich in seine Romanfiguren zerlegt, sie mit den eigenen Anlagen, ihren Reichtümern und Gefahren, seiner Krankheit, seinem Sterben belädt. Sie leben und sterben aus dem Gegensatz von Traum und Wirklichkeit, und wenn es in einem Gedicht heißt: „Wie herrlich, zu leben im Land der Träume l Unendlich ist dort meine Macht", so stellt die schöne lungenkranke Edele Lyhne streng fest: „Man will seinen Traum fördern. Aber das Leben rechnet nicht mit Träumen; es gibt keine einzige Schwierigkeit, die sich aus der Welt hinausträumen läßt " Marie Grubbe, diese Lady Chatterley des siebzehnten Jahrhunderts (die sicher wenig gemein hat mit der historischen Figur), findet bei Jacobsen nach dem Zerbrechen ihrer Traumwelt zu ihrem dritten Mann, dem Knecht Sören; und sie findet in dem Leben mit ihm zu sich selber — das ihr mehr bedeutet als jede Phantasie. Es ist bezeichnend, daß Jacobsen die mangelnde Selbstverwirklichung, die über Tagträumerei nicht hinauslangende Produktivität (an der er wohl in den langen zwangsläufigen Pausen seiner Krankheit leiden mußte) im „Niels Lyhne" gleich zweimal spiegelt. Da ist zunächst Niels Lyhne selber, aus dem ein Dichter werden soll und der doch nur vom Schaffensdrang träumt: „Er zaudert Wochen, bis er eine Arbeit aufgibt, aber er gibt sie doch auf und fragt gereizt sich selbst, warum er dabei bleiben soue; was kann er denn noch gewinnen? Er hat das Glück des Schaffens gekostet, die Mühe zu vollenden steht noch aus — wozu?" Daiß Heden schlechtes Silber, Schweigen Gold ist, sagt sich auch Herr Bigum, Niels Lyhnes Hauslehrer auf dem Lönberghof, ein Philosoph und „Menschemiierächter", der im Examen durchgefalleä ist (auch 1 Jacobsen fiel im Abiturientenexamen durch), i Seither begnügt er sich, das „herrliche Gebäude seines Geistes" zu bewundern, ohne mit einem Wort die Welt an ihm teilhaben zu lassen. Aus Räche gegen die Welt schließt Herr Bigum sich in seinen Selbstkult ein;, Jacobsen durchleuchtet hier die „geheimen Triebe und Gedanken" bis in die Wurzeln ihrer Ressentiments.
Während „Marie Grubbe" zu Jacobsens Lebzeiten dreimal aufgelegt wurde, brachte es „Niels Lyhne", zu Jacobsens Enttäuschung, nur zu einer Auflage — wurde aber später der bis heute meistübersetzte dänische Roman. Ibsen zählte „Niels Lyhne", „eine in jeder Hinsicht wertvolle Dichtung", zu den „allervorzüglichsten" Hervorbringungen der Zeit. Sein Schauspiel „Rosmersholm" (1886) läßt in einer der Figuren, dem verkannten und verkommenen Genie Ulrik Brendel, einem Selbstgenießer, der sich gleichfalls rühmt, nichts aufzuschreiben, das Vorbild Herrn Bigums erkennen. Der Einfluß Jacobsens auf den jungen Knut Hamsun ist noch wenig beachtet. Das Stichwort „Pan" erscheint zuerst in einem Gedicht Jacobsens (1868): „Irrst du je in dunklen Wäldern? Kennst du Pan? der Liebe Pan hab ich gefühlt". Das liest sich wie das musikalische Vorspiel zu Hjunsuns „Pan" (1894). Der Abschiedsbrief der —- ebenfalls — lungenkranken Victoria an ihren Jugendfreund, den Müllerssohn Johannes (Knut Hamsun: Victoria 1898) trifft genau den Ton, den Frau Eönss (Jacobsens letzte Novelle: „Frau Fönss", 1882) im Abschiedsbrief an ihre Kinder unter dem Druck eines „schnell fortschreitenden Leidens, das unweigerlich zum Tode führen mußte", anschlägt. Lungenkrank ist auch Gabriele Klöterjahn, vor der Detlev Spinell, ein Schriftsteller, der ein einziges Buch geschrieben hat, in die Knie sinkt wie Bigum vor der lungenkranken Edele Lyhne — Herr Spinell", der wie Herr Bigum ein leidenschaftlicher Musikliebhaber ist und, voller Ressentiments gegen das Leben, im Wort ein „Rachewerkzeug" des Geistes sieht (Thomas Mann, „Tristan", 1902). Die Beziehung Edele Lyhne — Herr Bigum steht im Hintergrund noch der sklavisch einseitigen Leidenschaft Herrn Wehsais für Clawdia Chauchat in Thomas Manns Zauberberg". Jacobsens krankheitsbedingter Gegensatz von Traum und Leben wird, bei dem jungen Thomas Mann („Tonio Kroger", 1904) und dem jungen Rilke zum artistischen Gegensatz von Literatur und Leben, von Kunst und Leben. Daß Jacobsens Kunst bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein Schule gemacht hat, belegt Johan Borgens norwegische Trilogie „Lillebrd" (1955—1957, deutsch 197980), die ohne den Vorgänger Niels Lyhne nicht zu denken ist. Obwohl Jacobsens reiche, nuancierte Sprache, sein Rhythmus, die Gliederung seiner langen Sätze, hohe Ansprüche an den Übersetzer stellen, gibt es eine Reihe sehr guter Übersetzungen. Das Gesamtwerk liegt in zwei Ausgaben vor.
An erster Stelle ist die Dünndruck Ausgabe des Winkler Verlages zu nennen. Sie enthält „Frau Marie Grubbe", „Niels Lyhne", „Novellen" (alle sschs Novellen, die es von Jacobsen gibt) in der Übertragung von Richard Maurice Baring, die s:ch vorzüglich liest. Sie folgt zart und genau der Sprache, dem Satzbau, und erfaßt auch das Leben hinter den Worten. Nur diese Ausgabe bringt auch ein Nachwort des Übersetzers, das Jacobsens Leben und künstlerische Entwicklung im Überblick skizziert, die Entstehungsjahre der Romane und Novellen angibt und mit Recht die Auffassung vertritt, daß ein so vielschichtiges erzählerisches Vermächtnis von jeder Zeit neu zu entdecken ist. Die zweite Gesamtausgabe („Das erzählerische Werk") ist bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienen. Sie enthält außer den Romanen und Novellen noch das kurze Fragment „Doktor Faust", doch leider kein Nachwort, auch keine Datierung der Werke. Die Übersetzung aus dem Dänischen von A. O. Schwede ist ebenfalls sehr genau und gut, vielleicht etwas rationaler und nüchterner als die Barings.
Als Einzelausgabe ist „Frau Marie Grubbe" (ohne Nachwort) in der Manessebibliothek der Weltliteratur erschienen, in der revidierten Über, setzung von Mathilde Mann. Wer die Überarbeitung vorgenommen hat, ist nicht angegeben, doch das Ergebnis ist eine genaue, poetische, sehr empfehlenswerte Übersetzung. Von „Niels Lyhne" liegen zwei Ausgaben vor: das Insel Taschenbuch in der ausgezeichneten Übersetzung von Anke Mann, mit sachkundigem Nachwort von Fritz Paul, das über die zeitgeschichtlichen und wirkungsgeschichtlichen Aspekte des Romans orientiert, sodann in der Reihe „Epikon Europäische Meisterromane" des List Verlages in der Übersetzung von Ottomar Enking mit einem Nachwort von Stefan Zweig. Diese Übertragung ist nicht schlecht, obschon nicht so glücklich in der Formulierung wie die anderen Übersetzungen, doch springt in die Augen, daß Enking als einziger den Anfang des „Niels Lyhne" genau übersetzt. Denn auch wenn alle sonstigen Übersetzungen mit dem berühmt gewordenen Satz beginnen: „Sie hatte die schwarzen strahlenden Augen der Blider mit den feinen schnurgeraden Brauen", so steht das bei Jacobsen gar nicht. Enking übersetzt genau: „Sie hatte das schwarze strahlende Auge der Bliders mit der feinen; schnurgeraden Braue" — Jacobsens Singular ist bildhafter als der Plural. Für das fesselnde Nachwort Stefan Zweigs wird keine Jahreszahl angegeben (vermutlich aus den zwanziger Jahren). Es ist der Epilog einer Generation: Niels Lyhne ist der Werther unserer Generation gewesen". Doch überrascht es, wie sehr Zweig Jacobsen, diese „äußerst kritische Natur" (Georg Brandes), mit Niels Lyhne identifiziert. Gerade der Vergleich mit dem „Werther" widerlegt das, denn Goethe ging so wenig im Werther auf wie Jacobsen in seiner Figur Niels Lyhne.
Als Insel Taschenbuch sind auch — leider ohne Jahreszahlen — Jacobsens sechs Novellen erschienen: „Die Pest in Bergamo und andere Novellen". Die Übersetzung von Mathilde Mann wahrt Jacobsens Musikalität und liest sich noch immer gut.
- Datum 16.10.1981 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.10.1981 Nr. 43
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