Von Harald Steffahn

In jungen Jahren wurde er zu schwach befunden, „um die Beschwerden des Militärdienstes auch nur einige Jahre ertragen zu können“. Er wollte aber unbedingt zu den Soldaten. Schließlich brachte es Graf Radetzky (1766–1858) auf über siebzig Dienstjahre, wurde mit 81 als Feldherr berühmt und saß mit 90 noch im Sattel. Jetzt ist eine neue Biographie über ihn erschienen:

Franz Herre: „Radetzky“: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1981; 246 S., 34,–DM.

Die meisten verbinden mit seinem Namen kaum noch mehr als den Radetzky-Marsch von Johann Strauß Vater. Eine der erstaunlichsten Alterskarrieren wurde 1849 mit diesen Begleittakten gewürdigt – damals, als der alte Feldmarschall durch mehrere Siege das schon fast verlorene lombardo-venezianische Königreich für Habsburg gerettet hatte.

Doch wäre es ungerecht, seine Bedeutung für Österreich darin zu sehen, daß er jahrzehntelang Befehlshaber in Norditalien war. Herres Buch erzählt bis zur Mitte von dem erfolgreichen, in der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung zurückgesetzten Strategen der Befreiungskriege. In der geläufigen Erinnerung steht er als Gegner Napoleons deutlich im Schatten Gneisenaus, mit dem er sich übrigens gut verstand. Es schmälert nicht das Verdienst des großen Preußen, wenn man Radetzkys entscheidenden Anteil am Feldzugsplan von 1813/14 und speziell an der Völkerschlacht bei Leipzig hervorhebt.

Diese Ehrenrettung Radetzkys in Deutschland – die meisten bisherigen Biographien erschienen in Wien – verschweigt nicht, daß Habsburg selber ihm damals den gebührenden Dank verweigert hatte. Herre rückt ins Licht, daß sich in diesem Reiteroffizier zwei militärische Talente glücklich trafen. Er war ebenso kühn wie umsichtig, so wagemutig wie planend und bedacht. Der listige Haudegen, der sich auf Umgehungsschliche und taktische Fallenstellern verstand, war zugleich ein weitblickender Stratege, „gewissermaßen Blücher und Gneisenau in einer Person“, wie einmal von anderer Seite richtig gesagt worden ist.

Der Mann, der fünf Kaisern gedient hat, gebürtig aus Böhmen, blieb in seinem Weltbild stets ein Verteidiger der Vielvölkermonarchie, und darin lag notwendigerweise eine beharrende Gesinnung. Der multinationale Gedanke schloß den nationalen aus. Daher wehrte er sich auf dem Schlachtfeld gegen die italienischen Einigungsbemühungen, was ihm gegen die ungeschulten piemontesisch-sardischen Freischärler auch gelang. So war Radetzky über die Jahrhundertmitte hinaus für Wien der verläßliche Wellenbrecher im Meer des Patriotismus, für den aufbrandenden Nationalstolz dagegen allenthalben ein verhaßter Anachronismus.