Die Antibabypille für den Mann kommtHormonstoß für ihn

von Peter Jennricb

Neun Jahre ist es her, seit ein Hormonforscher die damals weltweit dürftigen Resultate der Suche nach einer Antibabypille für den Mann in den Seufzer preßte: Machen wir halt einen Knoten ins männliche Y-Chromosom...

Aus dem molekularen Jux wird natürlich nichts. Dafür aber liegt nun eine Prognose der Pharmaindustrie vor, wonach die „Männerpille“ schon in neun Jahren kommt.

Die Ergebnisse der ersten klinischen Erprobung in den Vereinigten Staaten verleiteten das renommierte New England Journal of Medicine gar zu milder Euphorie: „ein aufregender Beginn“, eingedenk des „Bankrotts anderer Ansätze“.

Der Optimismus des gestrengen Fachblatts kommt nicht von ungefähr. Mit den, im Jargon der Medizin, kontrazeptiven Maßnahmen bei Frau und Mann ist eine Reihe teils heikler Forderungen verknüpft. Die Verhütungsmethode soll nicht störend und hinreichend „sicher“ sein, sie darf keine unvertretbaren Nebenwirkungen oder Spätfolgen mit sich bringen und muß, dies vor allem anderen, garantieren, daß keine nicht wiedergutzumachende Unfruchtbarkeit oder Zeugungsunfähigkeit eintritt. Im letzten Punkt mußte die Suche nach der Pille für den Mann bislang als gescheitert gelten.

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Doch nun haben Ärzte der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, und Forscher des Salk Institute im kalifornischen La Jolla eine Studie vorgelegt, in der wahrscheinlich zum ersten Mal die gefahrlose Wiederaufnahme einer weitgehend aufgehobenen Spermaproduktion beschrieben wird.

Das Wirkprinzip der Männerpille ist dem der Ovulationshemmer – also der gebräuchlichen Antibabypillen – entlehnt. Es basiert auf einer Idee, die dem damals 47jährigen Gregory Pincus eines winterlichen Morgens des Jahres 1950 auf der Autobahn nach New York kam: Ein befruchtetes weibliches Ei produziert das Hormon Progesteron, womit es verhindert, daß in den Eierstöcken der Frau ein weiteres Ei für eine neuerliche Befruchtung bereitgestellt wird. Könnte man nicht, fragte sich Pincus, dem Körper durch Hormongabe eine Schwangerschaft einfach vortäuschen? Man kann, wie wir unterdes wissen.

Derlei hormonelle Mimikry gelingt nun auch im männlichen Organismus. Denn bei beiden Geschlechtern wird in einem komplexen Kontrollsystem die Quantität der im Blut kursierenden Geschlechtshormone geregelt. Zwei’ Punkte sind in diesem Zusammenhang wichtig. Der Hormonspiegel selbst beeinflußt die Entscheidung, in weldem Umfang weiteres Hormon bereitgestellt wird. Und zweitens: Zwischen dem Entscheidungsgeber Zwischenhirn und dem Befehlsvermittler Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) liegt eine wenige Millimeter lange Regelstrecke. Die Evolution hätte hier leicht ein paar hundert Nervenzellen bemühen können. Statt der, wenn man so will, „Verkabelung“, zog sie jedoch den „Morse-Code“ vor. Die Signale des Codes bestehen aus Eiweißmolekülen mit geringem Zuckeranteil, den Releaser-Hormonen.

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