Hervorragend

Mink DeVille: „Coup de Grâce“. Willy DeVille alias William Borsay hat sein viertes Album mit einer bis auf Keyboard-Spieler Kenny Margolis komplett neuen Band aufgenommen. Es ist kein so riskantes, im Pathos schamlos bis an die Grenzen gehendes Experiment in Pop-Stilistik wie das voraufgegangene Meisterwerk „Le Chat Bleu“. Trotzdem entpuppt sich „Coup de Grâce“ mit seinen grandiosen Rock-Balladen, den unverkennbaren Einflüssen von Cajun Music und mexikanischer Folklore („End of the Line“, „Love and Emotion“), mit bluesgefärbtem Hard Rock („Love Me Like You Did Before“) und den Querverweisen auf die große Ära der Drifters und anderer schwarzer Vokalgruppen („You Better Move On“, das auch den jungen Mick Jagger einmal fasziniert hatte) schon bald als das kaum weniger eindrucksvolle Album. Die Produktion fiel etwas kühler und vielleicht auch „kommerzieller“ kalkuliert aus als die von „Le Chat Bleu“, manche der Songs wären im selben Sound auf der Debüt-LP oder auch „Return To Magenta“ denkbar. Aber diese Art von Rückschritten schmälert nicht die Leistung der Band und schon gar nicht die des Sängers: Willy DeVille ist einer der absolut überragenden und seelenvollsten Rock-Sänger in der ganzen Geschichte dieser Musik, so einzigartig wie Elvis Presley 1954 bis 1957, John Lennon in seinen Sternstunden und Rod Stewart auf seinen ersten beiden Solo-Platten (Atlantic ATL 50 833) Franz Schöler

Hörenswert

Gabriel Faure: „Klavierquartett Nr. 1“; Gustav Mahler: „Quartettsatz“. Alle haben sie einmal angefangen, von ihren zu vergessenden Jugendwerken das abzutrennen, was gültig bleiben darf, was sie akzeptieren, was zu dem für sie Wesentlichen zählt. Der erste Satz eines offenbar ausführlicher geplanten Klavierquartetts ist eine Arbeit des sechzehnjährigen Studenten Gustav Mahler – bereits hier sind, in einem Sonatensatz, die Aphoristik des Themenentwurfs und die herben Gegensätze in den kleinen Strukturteilen zu hören, die später dem Sinfoniker das Verstanden-Werden so sehr erschwerten. Drei Jahre darauf, 1879, entstand das Quartett des französischen Spätromantikers Gabriel Faure, ein Frühwerk eines Spätberufenen, ein rhapsodisches Stück mit einem melancholischen, aber weit ausholenden Gestus, das trotzdem eine merkwürdige „Helligkeit“ besitzt – vielleicht, weil es sich eher an der Form als an einem zu assoziierenden Inhalt orientiert. Das Alvarez-Quartett – eine Pianistin aus Argentinien, ein Geiger aus München, ein Bratscher aus Frankfurt, ein Cellist aus Köln – kann sich mit großem Engagement in die wenig gespielten Stücke versenken: schöner Ton, kraftvolle Dynamik, Sorgfalt und Präzision, organische Linienführungen zeigen, was das Ensemble kann. Ein Quentchen mehr Ausgewogenheit im Ausdruck, die Balance zwischen Horizontalem und Vertikalem, zwischen Monodischem und Polyphonem wird sich – wie bei allen besseren Ensembles – auch noch erarbeiten lassen (Bellaphon 680.01.009).

Heinz Josef Herbort