Von Wolfgang Pohrt

Wenn die Atombomben gezündet werden, sind wir tot. Mit den Gegnern der Nachrüstung und der Neutronenbombe aber müssen wir leben. Wenn die Bombe gefallen ist, leidet niemand mehr. Wir leiden – im Atomzeitalter eilen die Kriegsfolgen dem Krieg voraus – an ihren vorweggenommenen politischen Folgeschäden. Danach soll es angeblich singende Küchenschaben mit fünf Köpfen und vier Meter langen Beinen geben. Die Mutationen aber, die uns interessieren, finden vorher statt, und sie sehen ganz anders aus: Man hat eine Friedensbewegung machen wollen, und es wurde eine deutschnationale Erweckungsbewegung daraus.

„Kein Deutscher kann diese bedingungslose Unterwerfung der Interessen unseres Volkes unter fremde Interessen, diese Auslieferung der Verfügung über die Existenz unseres Volkes an eine fremde Regierung hinnehmen.“ Das bekannte Wort, der vertraute Klang: Danach müßte das Deutschlandlied ertönen, und dann käme der Fahneneid. Wenn solche Parolen aus dem Volksempfänger dröhnen, dann spüren wir, daß wir in der Heimat sind. Die Bevölkerung zur gedemütigten, ja todgeweihten Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt, keiner darf abseits stehn, man kennt nur noch Deutsche, aber keine Parteien mehr: So hat der Erste Weltkrieg begonnen, so wurde gegen die Kriegsschuldlüge geeifert, gegen das Versailler Friedensdiktat, gegen die Zinsknechtschaft, dem deutschen Volk auferlegt vom internationalen jüdischen Finanzkapital. Das war, fast wörtlich, Jahre später, die Parole von Strauß, als angeblich die Bundesregierung das Volk an die Russen verschacherte, mittels der Ostverträge.

An diesen Text haben wir uns längst gewöhnt. Wenn niemand mehr die Existenz des Volkes bedroht sehen würde – durch die Ausländer, durch die Roten, die Chaoten, mangelnden Kindersegen, wachsende Staatsverschuldung, anschwellende Asylantenflut –, so würde uns etwas fehlen. Nur hat das diesmal nicht Dr. Seltsam im brief dem Spiegel geschrieben. Und er hat mit der bedingungslosen Unterwerfung, die er der Bundesregierung vorhält, nicht etwa, wie man denken sollte, eine von den Alliierten verordnete Demobilisierung der Bundeswehr gemeint, sondern die Stationierung von Raketen. Ein Kriegstreiber ist Gollwitzer, ein Mann von unbestreitbaren Verdiensten, natürlich nicht. Sein Aufruf zur Generalmobilmachung für den nationalen Befreiungskampf hat nicht die Wehrertüchtigung bezweckt, sondern die Erhaltung des Friedens. Mit guten Absichten aber ist der Weg zur Hölle dann gepflastert, wenn die gute Absicht als Wechsel auf eine Generalabsolution verstanden wird, die auch unverzeihliche Fehler deckt.

Mögen anderswo menschliche Vernunft, menschliche Absicht und menschlicher Wille bloß eine List der Geschichte gewesen sein – in Deutschland waren sie allesamt ausgekochte, abgefeimte Hinterlist. Sogar die „antikapitalistische Sehnsucht der Massen“ führte hier gegen alle Erwartung nicht zur revolutionären Befreiung von der Herrschaft des Kapitals, sondern zu deren Krönung, Vollendung und Aufhebung im KZ. Die Teilung hat dieses Land nicht, wie von den Alliierten beabsichtigt, halbiert, sondern verdoppelt. Im nationalen Größenwahn ist es untergegangen, aber Untergänge waren für Deutschlands Wirtschaftskraft eine Frischzellenkur. Hier hat man sich nach der Gleichheit aller gesehnt, und der Eintopfsonntag ist dabei herausgekommen. Hier hat man die Abschaffung von Privilegien so verstanden, daß der kleine Mann, so er Blockwart ist, keine Nachteile befürchten muß, wenn er die Privilegierten denunziert. Hier hat man wortgewaltig den Krämergeist und die Kapitalisten beschimpft, und das Kapital gedieh prächtig dabei, aber danach waren alle Juden tot. Hier ist nichts ungefährlich, nicht mal die Begeisterung für den Frieden – schon gar nicht, wenn die Friedensbegeisterung eine deutschnationale Erweckungsbewegung katalysiert.

Man könnte nun einwenden, daß Pershingraketen und Neutronenbomben eine Bedrohung seien, gegen die man zu Recht sogar mit dem Teufel paktiert: und wenn wir täglich dreimal sämtliche Strophen des Deutschlandliedes singen, dem kleinen Mann (Ausländer raus) aus der Seele sprechen und Adolf von Thadden, so er noch lebt, zum Bundeskanzler wählen – Hauptsache, die Atomraketen fliegen raus; und wenn wir die Internationale nur noch heimlich hören und sämtliche Einsichten, Erkenntnisse und Prinzipien an die demagogischen Phrasen einer deutschnationalen Friedensbewegung verraten – Hauptsache, die Atomraketen kommen weg. Man vergißt dabei, daß von all den Dingen, welche eine deutschnationale Friedensbewegung attackiert – die Nachrüstung einerseits, aber andererseits beispielsweise die Einsicht, daß kein Sozialist diesem reaktionären Land, so wie es ist, noch mehr Souveränität wünschen kann, und daß wir überhaupt keinen Grund haben, es gegen irgendeine fremde Macht zu verteidigen und es gar zu lieben – man vergißt also, daß von all den Dingen, welche eine deutschnationale Friedensbewegung attackiert, die Atomraketen am widerstandsfähigsten sind. Mit Sicherheit sind die Raketen am Ende immer noch da, und nur unser Verstand, unsere Glaubwürdigkeit, unsere Einsichten, und Erkenntnisse sind weg. Eine Friedensbewegung, die keine Parteien und Klassen mehr, sondern nur noch Deutsche kennt, kann nur einen Teilerfolg erringen: die endgültige Niederlage der Linken.

So könnte man lange weitersprechen. Man könnte an Brechts Diktum erinnern, wonach es die vielen alltäglichen kleinen Lügen sind, durch die wir uns mitschuldig machen an der großen Katastrophe. Wenn Gollwitzer und mit ihm die neue Friedensbewegung diese Bevölkerung in „unser Volk“ verwandelt, dann wurde nicht nur ein Possessivpronomen gesetzt, wo ein Demonstrativpronomen am Platze wäre. Das Volk ist kein Begriff, den die Nazis erst ruinieren mußten, sondern seit hundert Jahren schon die Lüge von der notwendigen schicksalhaften Verbundenheit der einzelnen im nationalen Zwangskollektiv – die Lüge also, welche die aufklärerische Idee der Menschheit und mit ihr das bis heute uneingelöste Versprechen der sozialistischen Revolution dementiert, den Verein freier Menschen.