Manche Morde sterben nie

Kriminalisten und Juristen machten schlimme Fehler bei der Suche nach dem Mörder des Lindbergh-Babys

Von Horst Bieber

Spätestens seit Kain und Abel – nach der biblischen Chronologie also recht früh in der Geschichte des homo sapiens – gehört der Mord zu den Schattenseiten der menschlichen Gesellschaft; das Alte Testament kennt zwar das fünfte Gebot, aber auch eine stattliche Reihe überaus gewalttätiger Konfliktlösungen.

Cäsar, Widukind, Wallenstein, Kennedy – die Liste der Opfer ließe sich ebenso beliebig verlängern wie die Aufzählung der Täter: Jack the Ripper, Dr. Crippen oder Bruno Harmann. Viele Taten/Täter sind Geschichte, aber für viele gilt auch heute noch der Stoßseufzer eines Berliner Kriminalisten aus der Weimarer Republik: „Manche Morde sterben nie.“ Sacco und Vanzetti, Maria Rohrbach, Vera Brühne: Die Zweifel, ob die Richtigen verurteilt und die Fälle korrekt aufgeklärt wurden, sind noch immer lebendig, geben Stoff für Spekulationen – oder beherzigenswerte Lehren.

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Im nächsten März jährt sich zum 50. Mal eines jener „nie sterbenden“ Verbrechen, die Entführung des zwanzig Monate alten Charles A. Lindbergh jr. aus dem elterlichen Haus bei Hopewell im amerikanischen Bundesstaat New Jersey. Zwischen 20 und 22 Uhr am Dienstag, dem 1. März 1932, wurde das erkältete Kind aus seinem Eckzimmer im oberen Stockwerk geraubt. Am 12. Mai 1932 endeckte ein Lastwagenfahrer, knapp neun Kilometer vom Lindbergh-Haus entfernt, die bereits verweste Leiche eines Kindes, das Charles Lindbergh als seinen Sohn identifizierte. Am 3. April 1936 wurde der Deutsche Bruno Richard Hauptmann, Jahrgang 1900, in Trenton, der Hauptstadt von New Jersey, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Bis zum Schluß hatte er seine Unschuld an der Entführung und Ermordung des Kindes beteuert; zuletzt in einem Brief an seine Mutter, den die Gefängnisverwaltung widerrechtlich zurückhielt – aus Angst „vor unliebsamen Vorwürfen“. Bis heute dauert die Diskussion an, ob ein Unschuldiger einem Justizmord zum Opfer fiel.

Zwei Amerikaner bieten sich als „lebender Beweis“ für diese These an: Kenneth Kerwin aus Bidderford und Harold Olson aus Westport behaupten beide, Charles Lindbergh jr. zu sein; der eine will nur „den ihm zustehenden Namen“, der andere spekuliert auf einen Teil des beträchtlichen Vermögens. Ihre Ansprüche ließen sich leicht widerlegen, wenn man ihre Fingerabdrücke mit denen des Babys vergleichen würde. Solche Abdrücke hat es nach Aussage mehrerer Zeugen in den über 35 000 Seiten umfassenden Akten gegeben; doch im Moment sind sie nicht auffindbar, verschwunden seit einem Zeitpunkt, über den man sich nicht einigen kann. Polizeiliche Unterlagen und Spuren-Akten können – das ist eine der Lindbergh-Lehren – nicht sorgfältig genug aufbewahrt werden.

Lehre Nummer zwei: Die ersten Minuten einer Ermittlung sind entscheidend. Am 1. März 1932 herrschte naßkaltes Wetter; auf dem feuchten Rasen rund um das Lindbergh-Haus hinterließ jeder Schuh einen Abdruck. Doch als die Polizei die Abdrücke des Täters zu suchen begann, war der Rasen von Neugierigen und Hausbewohnern bereits zertrampelt. Die zur Entführung benutzte, offenkundig selbst gebaute mehrteilige Steckleiter hatte lange – zu lange – in der Feuchtigkeit gelegen, um sichere Spuren zu ergeben. Der vielzitierte Dorfpolizist soll, wenn er selbst die kriminalpolizeilichen Ermittlungen nicht leisten kann, wenigstens wissen, was er zu tun hat, um die Spuren für die Fachleute zu sichern.

Lehre Nummer drei: Von der ersten Minute einer polizeilichen Ermittlung an müssen die Kompetenzen klar verteilt sein. Im Lindbergh-Fall entwickelte sich dagegen von der ersten Sekunde an ein lähmendes Gerangel: Die Polizei von Hopewell konkurrierte mit den Spezialisten aus Trenton; beide wiederum mit der Staatspolizei von New Jersey. Als wenig später die Hinweise nach New York führten, mischte die dortige Polizei mit; zum Ärger aller schaltete sich dann noch das Federal Bureau of Investigation, das FBI, ein, eine 1932 durchaus noch nicht akzeptierte Bundesbehörde, deren Mitwirkung von den Polizeien der Bundesstaaten in eifersüchtiger Verteidigung der föderalen Rechte hintertrieben und abgewehrt wurde. Man arbeitete gegeneinander, nicht miteinander, mit dem Erfolg, daß bis zum September 1934 kein Verdächtiger ermittelt war.

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