Von Andreas Flitner

Der unerhörte Erfolg, der den beiden ersten Büchern von Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes“, 1979; „Am Anfang war Erziehung“, 1980) beschert worden ist, wird wohl auch vor dem dritten Buch:

Alice Miller: „Du sollst nicht merken–Variationen über das Paradies-Thema“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1981; 392 S., 34,– DM

nicht haltmachen. Auch dieses Buch ist wieder rasant geschrieben und wechselt, wie die früheren, zwischen Fallmaterial, Buchauszügen, theoretischen Reflexionen zur Psychoanalyse und zur Pädagogik hin und her. Und es fordert den Leser heraus, über seine eigenen Eltern und Kinder nachzudenken. In dieser Herausforderung liegt vielleicht sogar der Stachel, der Biß des Buches. Die Verfasserin weiß, daß sie Selbstmitleid hervorruft, zugleich aber Widerstand. Widerstand auch gegen das Selbstmitleid, das sie beim Leser erzeugt, indem sie Frustrationen, Zumutungen, verletzende Anforderungen, die es in jeder Kindheitserinnerung gibt, als eigentliche Tragödie unserer Kindheit herauspräpariert.

Alice Miller geht mit der Psychoanalyse, von der sie herkommt und zu der sie sich bekennt, auf eine erstaunliche und erfrischende Weise undogmatisch um. Sie wirft vor allem deren Fachsprache beiseite, und sie diskutiert keinen ihrer Gedanken, ohne in gutem und verständlichem Deutsch zu sagen, was ihre Meinung ist und was sie für die Meinung der anderen hält.

Und sie sagt es so, daß ein Kritiker sich beinahe von vornherein blamiert fühlen muß: Auch er ist eben ein Opfer seiner Erziehung, seiner Kindheitsgeschichte. Auch er durfte nicht merken, was ihm als Kind angetan worden ist. Wenn er Widerstände gegen Alice Millers Einsichten richtet, so zeigt er nur, daß er selber ein unanalysiertes Opfer einer Erziehung ist, die solche Einsichten über die Kindheit von jeher bekämpft und verhindert hat. Auch er muß offenbar weiterhin verdrängen, was er schon als Kind nicht merken durfte.

– Die Erkenntnis, die dem Menschen nach Alice Miller verborgen gehalten wird, ist freilich nicht die aus der Paradiesgeschichte, nämlich der Unterscheidung von Gut und Böse. Sondern es ist die Erkenntnis von der Gewalt der Erwachsenen, die unter dem Vorwand der Erziehung Kinder von Generation zu Generation zu Opfern ihrer eigenen Interessen, ihrer Herrschaftsgelüste und ihrer sexuellen Begierden machen; und die sich ein System erfunden haben, mit dem sie Kinder zur Unterwerfung, zum Schweigen, zum Vergessen trainieren.