Lotti, 69, ruft die Polizei: Ihre Freundinnen, alle vier in ihrem Alter, haben gekifft und spielen verrückt. Der Polizist (Rosa von Praunheim) kommt rasch, aber für den Rausch der Rentnerinnen interessiert er sich nicht. Er will Sex mit Lotti. Vor ihrer Palmentapete soll sie vergewaltigt werden. Doch sie (Lotti Huber) hat keine Lust (und an diesem Tag eine schwere Migräne). Rosa insistiert, Lotti aber verdrückt sich. Und so endet das Gerangel: Lotti geht selber den Laden richten, und Rosa weint. Er würde starke Frauen gern lieben.

Doch Zarah ist tot, die Gräfin von Richthofen verstorben, Marlene schon achtzig, Evelyn in festen Händen, und sogar Lotti Huber ist unpäßlich. Keine rosigen Zeiten für Praunheim. Doch er weiß sich zu helfen: Fürs erste hat er sein Elend durch einen neuen Film beendet. Titel: „Unsere Leichen leben noch“. Besetzung: Lotti, Inka, Luzi, Maria, Madien (fünf Frauen über sechzig).

Wenn ihm auch Lotti nicht gehören will, gehört ihm in seinem Film immerhin das Ende ihrer Szene. Denn Lotti geht, aber Rosa bleibt (und weint und kokettiert ganz grotesk mit seiner Enttäuschung). Praunheim ist nicht nur ein Dokumentarist und das Emanzipationsidol der Homosexuellen. Seit seinen Bettwurst-Filmen ist er auch ein meisterhafter Dilettant der Filmgroteske. „Unsere Leichen leben noch“ ist seine erste schwarze Komödie.

Gleich zu Beginn des Films sprechen die Frauen während einer Taxifahrt über die Angst. Gleich zu Beginn des Films jagt eine Schlange eine Ratte. Gleich darauf wird die Ratte von der Schlange gefressen. Gleich darauf treffen die Frauen bei ihrer Gastgeberin ein. Sie heißt Lotti. Die Schlange heißt Esmeralda und lebt in Lottis Terrarium.

Luzi fallen in Lottis Badewanne alle Haare aus, Madien bleibt im Aufzug stecken, Esmeralda jagt Maria, Inka fühlt sich von Madien bedroht, und Lotti tanzt den „Knochen-Blues“: „Gonna wear out my Sunday shoes / Beating up those Pounding Bone Blues“. Der Text stammt von der amerikanischen Lyrikerin Helen Adam, Jahrgang 1909, die in Praunheims „Todesmagazin“ als „wurm queen“ auftrat.

Am Schluß von Praunheims Groteske könnten nur noch die Zuschauer die Poli-– zei rufen. Denn alle fünf Frauen haben sich gegen Rosa verbündet und schlagen auf ihn ein. Dazu singen sie den Titel-Song „Unsere Leichen leben noch“: „Wir rasseln mit den Knochen bis zum Schluß, das Leben heißt für uns Genuß.“

Die Frauen trafen sich in Berlin auf eine Einladung des Senats. Sie wurden zu einer Ausstellung gebeten: „Die Frau in den dreißiger Jahren“. Aber an Stelle von Lotti, Inka, Luzi, Maria und Madien liegt am Ende Rosa in der Auslage, ein Mann der sechziger Jahre. Von den Alten geschlagen, liegt der Rebell blutend am Boden und zwinkert uns zu. Er würde starke Frauen gern lieben.