Die neue Schallplatte
Hörenswert
„Billie Holiday at Storyville“. Es ist fast unwichtig, wie „neu“ diese Schallplatte ist oder zum wievielten Male dieser Schatz hier gehoben wurde – die beiden Auftritte, die Billie Holiday in dem Bostoner Jazz-Lokal „Storyville“ 1951 und 1953 hatte, bleiben so original, so faszinierend wie je. Man wird sich einen Moment wundern, daß eine Jazzsängerin mit einer so flachen Stimme zu so großem Ruhm hatte kommen können. Es bestätigt nur die Binsenweisheit, daß es im Jazz auf anderes ankommt als auf die pure Schönheit der Stimme – Schönheit eröffnet sich fast nur in der Kunst, diese Stimme zu gebrauchen. Billie Holiday (1915-1959) kannte sich darin wie wenige aus, sie hatte auch ihre ganz eigene musikalische Dramaturgie. Es ist immer wieder staunenswert, wie sie ihre Stimme schwingen läßt, wie sie artikuliert, pointiert, ihre Rubato: anbringt, wie sie Laute, Silben formt, das flattrige Vibrato anhängt, wie sie Gefühle ausdrückt und Texten diese und keine andere Färbung gibt. Nein, das sind keine „großen Auftritte“, es hört sich eher an, als habe sie eben mal vorbeigeschaut und mit ebenbürtigen Begleitern aus lauter Lust musiziert. (Intercord INT 147.015) Manfred Sack
Alfregend
Alexander Zemlinsky: „Lyrische Sinfonie“. Als um die letzte Jahrhundertwende langsam, aber um so sicherer die Kriterien unglaubwürdig wurden, die die Kunstmusik bis dahin ordneten, strukturierten, in eine logische Form brachten, als andererseits noch kein neues System, die Zwölftontechnik etwa, das Dilemma überwinden zu haben glaubte, griffen die Komponisten zu Strohhalmen – der eine zum „Programm“, der andere zur historischen Reminiszenz, der dritte zum Text, an dem entlang zu komponieren war. Alexander Zemlinsky, dem noch 1968 die ehrenwerte Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ ganze 22 Zeilen für Biographie und Würdigung widmete, und der erst in jüngster Zeit in seiner ganzen Bedeutung für Schönberg, seine Schule und damit für die Musik unserer Tage erkannt worden ist, der weit mehr Reputation als Dirigent denn als Komponist besaß und langsam, sehr langsam auch heute wieder gespielt wird – Alexander Zemlinsky also ließ sich 1922 von Texten Rabindranath Tagores faszinieren – Texte, die als dialogische Liebeslyrik gelten könnten, die aber auch noch heute aktuelle gesellschaftspolitische Überlegungen anstellen: „Ich bin ein Fremder im fremden Land“; „Ich vergesse immer, daß die Türen verschlossen sind, in dem Hause, in dem ich einsam wohne.“ Dazu Klänge zwischen der aufgebrochenen Melodik und Harmonik Gustav Mahlers und der „musikalischen Prosa“ der freien Atonalität der Wiener Schule, voll glühender Intensität und zarten Farben, in einer merkwürdigen Gebrochenheit eines unruhigen Übergangs. Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau führen die scheinbaren Dialoge mit drängendem Verve, Konzentration und Erregung vor, begleitet von den sensibel reagierenden Berliner Philharmonikern unter Leitung von Lorin Maazel. (DG 2532 02). Heinz Josef Herbort
Zwiespältig
Patti La Belle: „The Spirit In It“. Die vielen Köche, die den sprichwörtlichen Brei verderben, sind diesmal gleich vier Arrangeure und sechs Produzenten, mit der die Phillysoul-Dame Patti LaBelle ihr neues Album aufnahm. Offenbar sollte die Sängerin mit der beachtlichen Gospel-Stimme hier jedem etwas bieten: Pop und Rhythm & Blues, Pseudo-Reggae, Show-Kunststücke, und das alles mit viel Seele. Aber mal sind die Bläser effekthascherisch überproduziert wie im Titelsong der LP, dann wieder ist das Arrangement ziemlich verunglückt wie bei Huey „Piano“ Smiths Klassiker „Rocking Pneumonia and the Boogie Woogie Flu“. Die besseren Songs dazwischen sind jene, bei denen die Batterien von Studioprofis nicht die Sangestalente von Patti LaBelle mit überflüssigem Playback verdecken. Weniger wäre hier – wie schon im Fall der letzten Platte von Aretha Franklin – mehr gewesen. (Philadelphia International Records PIR 85 117) Franz Schüler





