Vom Labyrinth zum Universum

Von Günter Metken

Die Anfälligkeit des Centre Georges Pompidou wurde dieser Tage durch einen Ausstand demonstriert. Zwei Dutzend Raumpfleger aus Nordafrika legten ihre Arbeit nieder und das in Abfall und Papier erstickende Haus für fast vier Wochen lahm. Einmal mehr war die Verwundbarkeit der komplizierten, administrativ schwerfälligen Kulturmaschinerie erwiesen, was nicht nur den Gegnern der Institution in der Opposition und selbst im Regierungslager paßte, sondern auch das nie abgebaute Mißtrauen der „Musées de France“ gegen das Ausscheren des Museums für moderne Kunst aus diesem allmächtigen Dachverband wieder kräftig nährte – steht ihm doch seitens des im Aufbau befindlichen Musée d’Orsay als Panorama des 19. Jahrhunderts ein weiterer Autonomieanspruch bevor. Auch dieses Haus will natürlich, wie Beaubourg, selbständig handeln und ankaufen können. Daher die nicht ganz selbstlosen Zweifel der „Musées de France“ am richtigen Funktionieren des Centre Pompidou.

Um diese zu zerstreuen, um den Aktionsradius und die Elastizität des Instituts vor Augen zu führen, kommt nach dem langen Intermezzo die Ausstellung der „Meisterwerke von Jackson Pollock“ gerade richtig, deren Eröffnung ebenfalls um zwei Wochen verzögert wurde. Nur sechzig Bilder sind zugegen, aber es sind die besten, die sprechendsten, die zum Teil noch nie ausgeliehen wurden, so „Autumn Rhythm“ aus dem Metropolitan Museum of Art in New York und „Lavender Mist“ aus der National Gallery in Washington – Bildstreifen, so breit wie flandrische Gobelins und entsprechend sperrig als Umzugsgut. Auch das Museum öf Modern Art in New York, noch immer durch seinen Umbau reduziert, trennte sich von nicht weniger als elf Werken. Die Hängung der Leihgaben ist übersichtlich und einleuchtend wie selten. Man nutzte die Möglichkeit, im Obergeschoß nach Belieben mit dem Platz zu spielen, Abfolgen, Ballungen und Ruhezonen herzustellen.

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Im Falle Pollock sieht das so aus. Ein Film- und Dokumentationsraum dient als Entree. Daneben werden in einem schmalen Kabinett die Anregungen, die der Maler in seiner ungewöhnlich langen Inkubationszeit erfahren hat, mehr angedeutet als belegt: Picasso, Miró, Masson, Max Ernst, Kandinsky, und endlich auch die „Seerosen“ von Claude Monet als frühe Allover-Bilder ohne oben und unten, unzentriert, afokal und über die Ränder hinausgreifend in gefräßiger Allerfassung, Die als Ostinato wiederkehrenden Motive und Farben der Wasserpflanzen verschlingen sich zum Muster, welches die alte Trennung von Form und Inhalt aufhebt.

In einem Saal mit den Anfängen Pollocks in den Jahren 1934-38 werden die prägenden Begegnungen sichtbar: der Regionalist Thomas Hart Benton, der sein Lehrer war, das Bestiarium Picassos, endlich die mexikanischen Wandmaler Orozco, Rivera, David Alfaro Siqueiros vor allem, mit dem er 1936 zusammenarbeitet, den Gebrauch von Spritzpistole und harten, glänzenden Karosseriefarben übernimmt.

Die eigene Persönlichkeit bricht dann in den konvulsivisch, wie totemhaft mit Zeichen beworfenen Leinwänden der Jahre 1943–47 durch, als sich das Vorbild der nach New York emigrierten europäischen Surrealisten mit Pollocks Bedürfnis nach automatischer Niederschrift seiner komplexen psychischen Erfahrungen und den magischen Kürzeln der nordamerikanischen Indianerkunst verbindet, die der Maler von seiner umgetriebenen Jugend im Südwesten der Staaten kannte, wie ihm ja auch die Sandmalerei der Navajos als spontane, tanz- und ritusartige Bildschöpfung auf der Erde vertraut war.

Die ganze Breite des fünften Stocks nehmen die Drippings (1947-50) ein: vier riesige Leinwände mit dem Perpetuum mobile ihrer dramatischen Ab- und Ineinanderlaufe als Kardinalpunkte des Raums, dazwischen luftig alle Stadien, dieser Kartographie des Unbewußten, dieser labyrinthischen Reise im Rhythmus des eigenen Körpers, von Pollock als programmiertes Ballett und Happening auf und um das am Boden liegende Maltuch ausgetragen, in seiner „Arena“, wie der sonst so wortkarge Künstler, den die amerikanische Kritik gern zum einsamen Cowboy auf der Kippe zwischen Gehemmtheit und Ausbruch stempelt, treffend formuliert hat.

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