Am Vormittag des zweiundzwanzigsten ermahnte mich Riemer, bei meinem für halbzwei angesetzten Besuch Goethes einerseits leise, andererseits doch nicht zu leise mit dem Manne zu sprechen, von welchem jetzt nurmehr noch gesagt wurde, daß er der Größte der Nation und gleichzeitig auch der allergrößte unter allen Deutschen bis heute sei, denn einerseits höre er jetzt das eine geradezu erschreckend deutlich, das andere aber beinahe überhaupt nicht mehr und man wisse nicht, was er höre und was nicht und obwohl es das Schwierigste sei in der Unterhaltung mit dem auf seinem Sterbebett liegenden, die ganze Zeit mehr oder weniger bewegungslos in die Richtung auf das Fenster schauenden Genius, die angemessene Lautstärke in der eigenen Rede zu finden, sei es doch möglich, vor allem durch die allerhöchste Aufmerksamkeit der Sinne, in dieser nun tatsächlich nurmehr noch traurig machenden Unterhaltung genau jene Mitte zu finden, die dem jetzt für alle sichtbar an seinem Endpunkt angekommenen Geist entspreche. Er, Riemer, habe die letzten drei Tage mehrere Male mit Goethe gesprochen, zweimal in Anwesenheit Kräuters, den Goethe beschworen haben solle, fortwährend und bis zum letzten Augenblick, bei ihm zu bleiben, aber doch einmal allein, weil Kräuter, angeblich infolge einer plötzlichen Übelkeit durch das Auftreten Riemers in Goethes Zimmer, dieses fluchtartig verlassen habe, wobei Goethe sofort, wie in alten Tagen, mit Riemer über Das Zweifelnde und das Nicotzweifelnde gesprochen habe, genau wie in den ersten Märztagen, in welchen, so Riemer, Goethe immer wieder auf dieses Thema gekommen sei, immer wieder und immer wieder mit größter Wachsamkeit, nachdem er sich, so Riemer, Ende Feber fast ausschließlich, gleichsam zur tagtäglichen Morgenübung mit Riemer, ohne Kräuter also und also ohne den von Riemer immer wieder als Ungeist bezeichneten Belauerer des goetheschen Absterbens, mit dem Tractatus logicophilosophicus beschäftigt und überhaupt Wittgensteins Denken als das dem seinigen aufeinmal zunächststehende, wie das seinige ablösende, bezeichnet hatte; daß dieses seinige gerade da, wo es in die Entscheidung gekommen sei zwischen dem, das Goethe zeitlebens als Hier und dem, das er zeitlebens als Dort einzusehen und anzuerkennen gezwungen gewesen sei, schließlich von dem wittgensteinschen Denken überdeckt, wenn nicht gar vollkommen zugedeckt hatte werden müssen. Goethe soll sich in diesem Gedanken mit der Zeit so aufgeregt haben, daß er Kräuter beschwor, Wittgenstein kommen zu lassen, diesen, gleich, was es koste, aus England nach Weimar zu holen, unter allen Umständen und so bald als möglich und tatsächlich hätte Kräuter Wittgenstein dazu bringen können, Goethe aufzusuchen, merkwürdigerweise gerade an diesem zweiundzwanzigsten; die Idee, Wittgenstein nach Weimar einzuladen, war Goethe schon Ende Feber gekommen, so Riemer jetzt, und nicht erst Anfang März, wie Kräuter behauptete, und Kräuter sei es gewesen, der von Eckermann in Erfahrung gebracht habe, daß Eckermann unter allen Umständen eine Reise Wittgensteins nach Weimar zu Goethe hatte verhindern wollen; Eckermann habe Goethe über Wittgenstein derartig Unverschämtes, so Kräuter, vorgetragen, daß Goethe, damals noch im Vollbesitz seiner Kräfte, naturgemäß auch der physischen und tagtäglich noch imstande, in die Stadt hineinzugehen, also durchaus den Frauenplan zu verlassen und über das schillersche Haus hinaus in die Gegend von Wieland, so Riemer, daß Goethe von Eckermann jedes weitere Wort über Wittgenstein, den Verehrungswürdigsten, wie sich Goethe wörtlich ausgedrückt haben solle, verbeten habe, Goethe soll zu Eckermann gesagt haben, daß seine Dienste, die er, Eckermann, ihm, Goethe, bisher geleistet habe und zwar allezeit, mit diesem Tage und mit dieser traurigsten aller Stunden der deutschen Philosophiergeschichte, null und nichtig seien, er, Eckermann, habe sich an Goethe durch die Niederträchtigkeit, Wittgenstein ihm gegenüber in Verruf zu bringen, unverzeihlich schuldig gemacht und habe augenblicklich das Zimmer zu verlassen, Das Zimmer soll Goethe gesagt haben, ganz gegen seine Gewohnheit, denn er hatte sein Schlafzimmer immer nur Die Kammer genannt, aufeinmal hatte er, so Riemer, Eckermann das Wort Zimmer an den Kopf geschleudert und Eckermann sei einen Augenblick völlig wortlos dagestanden, habe kein Wort herausgebracht, so Riemer, und habe Goethe verlassen. Er wollte mir mein Heiligstes nehmen, soll Goethe zu Riemer gesagt haben, er, Eckermann, der mir alles verdankt, dem ich alles gegeben habe und der nichts wäre ohne mich, Riemer. Goethe sei, nachdem Eckermann die Kammer verlassen hatte, selbst nicht befähigt gewesen, ein Wort zu sprechen, er soll immer nur das Wort Eckermann gesagt haben, tatsächlich so oft, daß es Riemer erschienen war, als sei Goethe nahe daran, wahnsinnig zu werden. Aber Goethe habe sich dann doch rasch fassen und mit Riemer sprechen können, kein Wort über Eckermann mehr, aber über Wittgenstein. Es bedeute ihm, Goethe, höchstes Glück, in Oxford seinen engsten Vertrauten zu wissen, nur getrennt durch den Kanal, so Riemer, der mir doch gerade in dieser Erzählung am glaubhaftesten schien, nicht wie sonst immer, schwärmerisch, unglaubwürdig; auf einmal hatte Riemers Bericht doch das Authentische, das ich sonst immer an seinen Berichten vermißte, Wittgenstein in Oxford, soll Goethe gesagt haben, Goethe in Weimar, ein glücklicher Gedanke, lieber Riemer, wer kann empfinden, was dieser Gedanke wert ist, außer ich selbst, der ich in diesem Gedanken der Glücklichste bin. Riemer unterstrich immer wieder, daß Goethe mehrere Male gesagt haben soll, Der Glücklichste. In bezug auf Wittgenstein in Oxford. Als Riemer sagte In Cambridge, soll Goethe gesagt haben Oxford oder Cambridge, es ist der glücklichste Gedanke meines Lebens und dieses Leben war voll von den glücklichsten Gedanken. Von allen diesen glücklichsten Gedanken ist der Gedanke, daß es Wittgenstein gibt, mein glücklichster. Riemer habe zuerst nicht gewußt, wie eine Verbindung zwischen Goethe und Wittgenstein herzustellen sei, und er habe mit Kräuter gesprochen, dieser habe aber ebenso wie Eckermann, von einem Auftreten Wittgensteins in Weimar nichts wissen wollen. Während Goethe, wie ich selbst aus Äußerungen Goethes mir gegenüber weiß, Wittgenstein so bald als möglich sehen wollte, sprach Kräuter andauernd davon, daß Wittgenstein nicht vor April komme solle, der März sei der unglücklichste Termin, Goethe selbst wisse das nicht, aber er, Kräuter, wisse das, Eckermann habe in vieler Hinsicht nicht unrecht gehabt, Wittgenstein Goethe überhaupt auszureden, was natürlich ein Unsinn war, so Kräuter zu mir, denn Goethe hatte sich niemals von Eckermann etwas ausreden lassen, aber Eckermann hatte immer einen guten Instinkt, so Kräuter zu mir, als wir gerade an dem wielandschen Hause vorbeigingen; Eckermann habe es an diesem fraglichen Tag, an dem Tag, an welchem Goethe unmißverständlich nach Wittgenstein verlangt habe, nach dem persönlichen Auftreten seines Nachfolgers, sozusagen, zu weit getrieben, er, Eckermann, habe ganz einfach an diesem Tage die Kräfte, die physischen und die psychischen Kräfte Goethes überschätzt, genauso wie seine Kompetenzen, und Goethe habe sich wegen Wittgenstein, wegen nichts sonst, von Eckermann getrennt. Ein Versuch der Frauen unten (die in der Halle standen!) Goethe umzustimmen aus dem Vorhaben, das ja schon zum endgültigen Entschluß geworden war, Eckermann tatsächlich zu verjagen und zwar wegen Wittgenstein für immer, was die Frauen natürlich nicht begreifen konnten, war fehlgeschlagen, für zwei Tage hatte Goethe sich ja, wie ich weiß, überhaupt den Frauenbesuch in der Kammer verbeten, gerade Goethe, sagte ich zu Riemer, der keinen Tag ohne die Frauen auszukommen imstande gewesen ist, solange er lebt; Eckermann soll bei den Frauen unten in der Halle gestanden sein, fassungslos, wie Kräuter später

sagte, die Frauen sollen ihn sozusagen bestürmt haben, die Sache auf den schlechten Allgemeinzustand Goethes zurückzuführen und sie nicht im ganzen Umfange ernst zu nehmen, nicht so ernst jedenfalls, wie Eckermann sie im Augenblick nahm und eine der Frauen, ich weiß nicht mehr, welche von den vielen in der Halle stehenden, sei zu Goethe hinauf, um für Eckermann einzutreten, aber Goethe war nicht mehr umzustimmen, er soll gesagt haben, daß er von keinem jemals gelebten Menschen in einer solchen verletzendsten Weise enttäuscht worden sei, wie von Eckermann, er wolle ihn niemehr sehen. Dieses Niemehr Goethes sei dann in der Halle noch oft zu hören gewesen, auch dann noch, als Eckermann längst aus dem goetheschen Hause gewesen und dann tatsächlich auch nicht mehr gesehen worden war. Niemand weiß, wo Eckermann heute ist. Kräuter hat nachforschen lassen, aber alle diese Nachforschungen sind ohne Ergebnis geblieben. Selbst die Gendarmerie in Halle und Leipzig ist eingeschaltet worden und, so Riemer, auch nach Berlin und Wien hat Kräuter Nachricht vom Verschwinden Eckermanns gegeben, so Riemer. Tatsächlich habe Kräuter, so Riemer, noch mehrere Male versucht, Goethe von dem Gedanken abzubringen, Wittgenstein nach Weimar kommen zu lassen, und es war ja auch nieht sicher gewesen, so Kräuter, ob Wittgenstein tatsächlich nach Weimar kommt, selbst wenn er von Goethe eingeladen ist, von dem größten Deutschen, denn Wittgensteins Denken machte diese Sicherheit auf alle Fälle schwankend, so Kräuter wörtlich, er, Kräuter, so Riemer, habe aber Goethe in ungemein vorsichtiger Weise vor einem Auftreten Wittgensteins in Weimar gewarnt, sei nicht so plump und tatsächlich vertraulich vorgegangen dabei wie Eckermann, der in diesem wittgensteinschen Falle einfach zu weit gegangen sei, weil er sich dieser Sache sicher gewesen war, weil er nicht wußte, daß man in bezug auf die goetheschen Vorstellungen und Gedanken ja niemals und in keinem Falle hatte sicher sein können, was beweise, daß Eckermann bis zuletzt seine Geistesbeschränkung, die wir von Eckermann kennen, nicht ablegen hatte können, so Riemer, aber selbst Kräuter war es nicht gelungen, Goethe davon abzubringen, Wittgenstein nach Weimar kommen zu lassen. Einem solchen Geist ist kein Telegramm zu schicken, soll Goethe gesagt haben, einen solchen Geist könne man nicht einfach auf telegraphische Weise einladen, man müsse einen lebendigen Boten nach England schicken, soll Goethe Kräuter gegenüber gesagt haben. Kräuter soll nichts darauf gesagt haben, und da Goethe entschlossen war, Wittgenstein von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wie Riemer jetzt pathetisch sagte, weil Kräuter es genau in dieser pathetischen Weise gesagt haben soll, mußte sich Kräuter schließlich, so schwer es ihm fiel, dem Wunsch Goethes beugen. Goethe soll gesagt haben, daß, wenn er bei besserer Gesundheit sei, er selbst nach Oxford oder Cambridge reisen würde, um mit Wittgenstein über Das Zweifelnde und das Nichtzweifeinde zu sprechen, ihm machte es nichts aus, Wittgenstein entgegenzugehen, auch, wenn die Deutschen einen solchen Gedanken allein nicht verstehen, darüber setze er, Goethe, sich vollkommen hinweg, wie er selbst sich immer über alle Gedanken der Deutschen hinweggesetzt habe, gerade weil er der Deutsche sei, was auszusprechen ihm völlig natürlich wäre, ich führe gern nach England an meinem Lebensende, soll Goethe zu Kräuter gesagt haben, aber meine Kräfte reichen dazu nicht mehr aus, so bin ich gezwungen, Wittgenstein den Vorschlag zu machen, zu mir zu kommen. Selbstverständlich, soll Goethe zu Kräuter gesagt haben, wohnt Wittgenstein, mein philosophischer Sohn sozusagen, so Kräuter, der sich über die Wörtlichkeit dieser Aussage Goethes verbürgt, in meinem Hause. Und zwar in dem allergemütlichsten Zimmer, das wir haben. Ich lasse dieses Zimmer genauso ausstatten, wie ich glaube, daß es Wittgenstein gefällt. Und wenn er zwei Tage bleibt, was Schöneres kann ich wünschen! soll Goethe ausgerufen haben. Kräuter, so Riemer, soll über diese ganz konkreten Wunschvorstellungen Goethes entsetzt gewesen sein. Er habe sich entschuldigt und für Augenblicke wenigstens Goethes Zimmer verlassen, um den Frauen in der Halle und selbst in der Küche unten, so Riemer, von dem Plan Goethes, Wittgenstein in sein Haus einzuladen, Mitteilung zu machen. Natürlich hatten die Weiber nicht einmal gewußt, wer Wittgenstein ist, soll Kräuter zu Riemer gesagt haben, so Riemer. Sie dachten, Kräuter sei verrückt geworden. Dieser Wittgenstein ist aufeinmal der wichtigste Mensch für Goethe, soll Kräuter zu den Küchenweibern gesagt haben, worauf die ihn für verrückt gehalten hatten. Immer wieder sei Kräuter durch das goethesche Haus gegangen und habe gesagt, Wittgenstein ist der Wichtigste für Goethe und alle, die das hörten, sollen sich an den Kopf gegriffen haben. Ein österreichischer Denker! soll Kräuter auch dem Arzt gegenüber ausgerufen haben, der Goethe behandelte und täglich zweimal erschien, worauf dieser Arzt (ich nenne seinen Namen nicht, damit er mich nicht verklagen kann!) zu Kräuter gesagt haben soll,er, Kräuter, sei wahnsinnig geworden, worauf Kräuter zu dem Arzt gesagt haben soll, er, der Arzt, sei verrückt, worauf der Arzt zurückgesagt haben soll, Kräuter gehöre nach Bethel, worauf Kräuter dem Arzt gesagt haben soll, daß er nach Bethel gehöre undsofort. Schließlich hatte Kräuter geglaubt, Goethe habe in der Zwischenzeit sich in dem Gedanken, Wittgenstein nach Weimar und sogar in sein Haus einzuladen, beruhigt und er sei nach einiger Zeit wieder in Goethes Zimmer getreten. Der Genius, so Riemer, soll Kräuter gesagt haben, stand jetzt am Fenster und betrachtete eine vereiste Dahlie im Garten. Sehen Sie, Kräuter, diese vereiste Dahlie! soll Goethe ausgerufen haben und seine Stimme soll stark gewesen sein wie eh und je, Das ist das Zweifelnde und das Nichtzweifelnde! Goethe soll darauf lange Zeit am Fenster stehengeblieben sein und Kräuter beauftragt haben, Wittgenstein in Oxford oder Cambridge (es sei vollkommen gleichgültig, wo wirklich!) aufzusuchen und einzuladen. Wie ich glaube, ist der Kanal zugefroren und das heißt, daß Sie sich in einen ordentlichen Pelz einzuwickeln haben! soll Goethe zu Kräuter gesagt haben. Wickeln Sie sich in einen ordentlichen Pelz ein und suchen Sie Wittgenstein auf und laden Sie ihn für den zweiundzwanzigsten März nach Weimar ein. Es ist mein Lebenswunsch, Kräuter, gerade an dem zweiundzwanzigsten März Wittgenstein zu sehen. Ich habe keinen anderen Wunsch mehr. Wenn Schopenhauer und Stifter noch lebten, würde ich diese beiden mit Wittgenstein einladen, aber Schopenhauer und Stifter leben nicht mehr, so lade ich allein Wittgenstein ein. Und wenn ich es genau überlege, so Goethe am Fenster, die rechte Hand auf den Stock gestützt, ist Wittgenstein von allen der größte. Kräuter soll, so Riemer, Goethe auf die Schwierigkeit aufmerksam gemacht haben, in dieser kalten und unfreundlichen Jahreszeit nach England zu reisen, durch halb Deutschland durch über den Kanal und bis nach London und weiter. Entsetzlich Goethe! soll Kräuter ausgerufen haben, so Riemer, darauf Goethe mit ebensolcher Wucht: Fahr Kräuter, fahr! Worauf Kräuter, so Riemer in seiner bekannten Schadenfreude, nichts anderes übrig blieb, als zu verschwinden und die Reise anzutreten. Die Frauen machten fürchterliche Umstände mit ihm. Sie schafften eine ganze Reihe von Pelzen aus dem goetheschen Besitz herbei, an die zwei Dutzend, darunter auch den Reisepelz, den Goethe noch von Cornelia Schellhorn aufbewahrt und aus heiligem Grund niemals getragen hatte, darunter, so Riemer, auch einen Pelz der Katharina Elisabeth Schultheiss, schließlich auch noch einen, den Ernst August einmal bei Goethe vergessen hatte, und gerade für den hatte sich schließlich Kräuter entschieden, weil er, so Kräuter, so Riemer, gerade recht war, bei dieser Reise nach England getragen zu werden. Schließlich war Kräuter binnen zweier Stunden auf dem Bahnhof und reiste ab. Jetzt hatte Riemer Zeit bei Goethe, wie er sagte, und Goethe vertraute ihm, Riemer, Vieles über Kräuter, aber auch über Eckermann und die Andern mit, das diese in kein gutes Licht brachte. So beschwerte sich Goethe, laut Riemer, über Kräuter gleich nach dessen Abreise nach England, daß dieser, Kräuter, Goethe immer vernachlässigt habe. Goethe erklärte sich nicht näher, auch Riemer mir gegenüber nicht, aber fortwährend habe Goethe zu Riemer in bezug auf Kräuter das Wort vernachlässigt gesagt. Selbst daß Kräuter ein dummer Mensch sei, soll Goethe oft zu Riemer gesagt haben, Eckermann sei noch dümmer gewesen. Ernst August sei nicht der große Ernst August gewesen, für den man ihn jetzt halte. Er war dümmer, soll Goethe gesagt haben, gemeiner, als man annimmt. Ulrike soll er auch als dumm bezeichnet haben. Auch die Frau vom Stein und ihre Kreise. Kleist habe er vernichtet, was ihm nicht leid täte. Damit konnte Riemer nichts anfangen, während ich doch zu wissen glaube, was Goethe meinte. Wieland, Herder, habe er immer höher geschätzt, als er sie behandelt habe. Im Winde klirren die Fahnen, soll Goethe gesagt haben, woher ist das? Riemer hatte keine Ahnung, ich sagte, von Hölderlin, Riemer schüttelte nur den Kopf. Das Nationaltheater habe er, Goethe, ruiniert, so Riemer, soll Goethe gesagt haben, überhaupt habe er, Goethe, das deutsche Theater zugrunde gerichtet, aber darauf kommen die Leute erst in frühestens zweihundert Jahren. Was ich dichtete, ist das Größte gewesen zweifellos, aber auch das, mit welchem ich die deutsche Literatur für ein paar Jahrhunderte gelähmt habe. Ich war, mein Lieber, soll Goethe zu Riemer gesagt haben, ein Lähmer der deutschen Literatur. Meinem Faust sind sie alle auf den Leim gegangen. Am Ende ist alles, so groß es ist, nur eine Auslassung meiner innersten Gefühle gewesen, von allem ein Theil, so Riemer berichtend, aber in keinem war ich das Allerhöchste. Riemer habe geglaubt, Goethe spreche über einen ganz anderen, nur nicht über sich selbst, als er zu Riemer sagte: so habe ich die Deutschen, die dafür wie keine andern geeignet sind, hinters Licht geführt. Aber auf was für einem Niveau! soll er ausgerufen haben der Genius. Ernst und mit gesenktem Haupt soll Goethe, dabei das schillersche Portrait auf seinem Nachttisch betrachtet und gesagt haben: ihn habe ich vernichtet, mit aller Gewalt, ich habe ihn ganz bewußt zerstört, zuerst siech gemacht und dann vernichtet. Er wollte ein Gleiches tun. Der Arme! Ein Haus auf der Esplanade, wie ich eins auf dem Frauenplan! Was für ein Irrtum! Der tut mir leid, soll Goethe gesagt und darauf längere Zeit geschwiegen haben. Wie gut, sagte Riemer, daß das Schiller selbst nicht mehr gehört hat. Goethe soll das Bildnis Schillers sich vor Augen geführt und dazu gesagt haben: es tut mir leid um alle die Schwachen, die der Größe nicht entsprechen können, weil sie den Atem nicht haben! Darauf soll er das Bildnis Schillers, das eine Freundin Wielands für Goethe gemacht haben soll, wieder auf den Nachttisch zurückgelegt haben. Was nach mir kommt, hat es schwer, soll Goethe dann gesagt haben. In diesen Momenten war Kräuter schon weit unterwegs gewesen. Wir hörten von ihm nichts, nur noch, daß er in Magdeburg sich eine Reliquie von Bach angeschafft habe, eine Locke des Thomaskantors, die er bei seiner Rückkehr Goethe hatte bringen wollen. Kräuter tut es gut, daß er eine Zeit aus dem Umkreis Goethes verschwunden ist, sagte Riemer. So können wir uns ganz ungestört unterhalten, und Goethe ist einmal ohne diesen Ungeist und Nichtmenschen. Er hat sich von Eckermann getrennt, so Riemer, er wird sich auch von Kräuter trennen. Und die Frauen, so Riemer, spielen jetzt gar keine Rolle mehr in seinem Leben. Die Philosophie ist es, die Dichtkunst nicht mehr. Man sieht ihn jetzt öfter auf dem Friedhof, es ist, als suchte er sich einen Platz aus, immer treffe ich ihn auf dem Platze, der meinem Geschmack nach der beste ist. Windgeschützt, völlig abgesondert von allen andern. Ich hatte keine Ahnung, so Riemer jetzt auf der Esplanade, auf welcher aufeinmal die Vormittagsunruhe eingesetzt hatte, daß Goethe in seine letzten Tage eingetreten war. Wenn ich heute abend wieder bei ihm bin, so Riemer über Goethe, werde ich mit ihm weiter über Das Zweifelnde und das Nichtzweifeinde sprechen. Wir werden das Thema organisieren, so Goethe immer, und es angehen und zerstören. Alles, was er bis jetzt gelesen und durchdacht habe, sei gegenüber dem Wittgensteinschen nichts oder wenigstens beinahe nichts. Er wisse nicht mehr, was oder wer ihn auf oder zu Wittgenstein gebracht habe. Ein kleines Büchlein mit rotem Umschlag, aus der Bibliothek Suhrkamp, sagte Goethe zu Riemer einmal, vielleicht, ich kann es nicht mehr sagen. Aber es war meine Rettung. Hoffentlich, so Goethe zu Riemer, so Riemer, setzt sich Kräuter in Oxford oder Cambridge durch und Wittgenstein kommt bald. Ich habe nicht mehr lange Zeit. Goethe soll tagelang in der Kammer gesessen sein und, wie Riemer meint, nurmehr noch auf Wittgenstein gewartet haben. Es ist so, er wartet nurmehr noch auf Wittgenstein, welcher für ihn der und das Höchste ist, so Riemer. Den Tractatus hat er unter dem Kopfpolster liegen. Die Tautologie hat keine Wahrheitsbedingungen, denn sie ist bedingungslos wahr; und die Kontradiktion ist unter keiner Bedingung wahr, soll er, Goethe, Wittgenstein zitierend, oft in diesen Tagen gesagt haben. Aus Karlsbad sollen Wünsche für seine Genesung gekommen sein von der Kurverwaltung, auch aus Marienbad und aus dem schönen Elenbogen schickte man Goethe ein Glas, auf welchem er zusammen mit Wittgenstein abgebildet ist. Kein Mensch weiß, woher die in Elenbogen wissen, daß Goethe und Wittgenstein eins sind, so Riemer, auf dem Glas sind sie eins. Ein schönes Glas. Aus Sizilien meldete sich ein Professor, der in Agrigent zuhause ist, mit einer Einladung an Goethe, seine Sammlung goethescher Handschriften zu besichtigen. Goethe schrieb dem Professor, er sei nicht mehr in der Lage, über die Alpen zu gehen, obwohl er ihr Glühen mehr liebe, als das Meeresrauschen. Goethe hatte sich ganz in die Korrespondenz zurückgezogen, so Riemer, interne Art philosophierender Abschiedskorrespondenz. Nach Paris schrieb er einer gewissen Edith Lafontaine, die ihm Gedichte zur Beurteilung geschickt hatte, sie solle sich an Voltaire wenden, dieser habe sein Amt, literarische Bettelbriefe zu beantworten, übernommen. Der Besitzer des Hotels Pupp in Karlsbad wandte sich an Goethe, ob er, Goethe, nicht sein Hotel kaufen wolle, für achthunderttausend Thaler, wie es heißt, ohne Personal. Im übrigen kam tagaus, tagein nur die übliche geschmacklose und gemeine Post auf den Frauenplan, die von den Sekretärinnen geordnet und dann von Goethe weggeworfen wurde, nicht eigenhändig natürlich, von Kräuter oder mir, so Riemer, das beste war ja, daß wir so viele große Öfen hatten, in die wir diese wertlose, aufdringliche, vollkommen asensible Post werfen konnten. Ganz, Deutschland glaubte auf einmal, sich brieflich an Goethe wenden zu können, ausnahmslos. Eckermann trug jeden Tag riesige Körbe voller Post zu den diversen Öfen. So heizte Goethe die meiste Zeit mit der Post ein, die er bekam in den letzten Jahren. Aber zurück zu Wittgenstein. Kräuter war, wie mir jetzt Riemer berichtete, tatsächlich bis zu Wittgenstein gekommen. Dieser aber war einen Tag bevor Kräuter ihn aufsuchte, an Krebs gestorben. Er, Kräuter, so Riemer, habe Wittgenstein nurmehr noch aufgebahrt gesehen. Einen hageren Menschen mit eingefallenem Gesicht. In der Umgebung von Wittgenstein, so habe Kräuter berichtet, habe niemand etwas von Goethe gewußt. So sei Kräuter deprimiert wieder abgereist. Es war jetzt die große Frage, so Riemer, sollte Goethe Wittgensteins Tod mitgeteilt werden oder nicht. Gerade in diesen Minuten, sagte ich zu Riemer, wir gingen jetzt an dem schillerschen Haus vorbei, waren auf dem Rückweg zu dem sterbenden Goethe, welcher jetzt wieder ganz unter der Obhut der ihn umhegenden Frauen gestanden war, gerade in diesen Minuten hätte ich Wittgenstein vom Bahnhof abgeholt. Riemer schaute auf die Uhr, während ich folgendes sagen wollte: keiner, außer Goethe, verlangte tatsächlich so sehr nach dem Besuch Wittgensteins in Weimar, wie ich. Es wäre auch für mich ein Höhepunkt meiner Existenz gewesen, ich sagte Existenz, wo Goethe gesagt hätte Leben. Immer da, wo Goethe Leben gesagt hatte, hatte ich Existenz gesagt, das war in Karlsbad so gewesen, in Rostock, in Frankfurt, auf Rügen, in Elenbogen. Selbst wenn Wittgenstein und Goethe nur, sich gegenüberstehend oder -sitzend, geschwiegen hätten die ganze Zeit und wenn auch nur die kürzeste, es wäre der schönste Augenblick gewesen, der sich von mir aus denken läßt, wäre ich Zeuge gewesen. Riemer sagte, Goethe habe den Tractatus über seinen Faust und über alles gestellt, das er geschrieben und gedacht habe. Auen das ist Goetne, sagte Riemer. Auch ein solcher. Als Riemer den letzten Morgen, also den einundzwanzigsten, in Goethes Zimmer getreten sei, sagte er jetzt, in welchem, zu seiner, Riemers Überraschung, Kräuter gestanden war, der dem in seinem Bette auf vier von Ulrike bestickten Polstern unter seinem Kopf schon wie nurmehr noch auf die öffentliche Repräsentation hin aufgebahrten Goethe gerade mit hocherhobener rechter, ein wenig verkrüppelter Hand und drei geradezu fanatisch ausgestreckten Fingern mit erschreckender Rücksichtslosigkeit zu bedeuten schien, daß ihm, Goethe, nurmehr noch drei Tage blieben, kein einziger mehr (worin er, Kräuter, sich schließlich getäuscht hat!) habe Goethe zuerst nur gesagt, daß der Gickelhahn schuld sei, mehrere Male soll Goethe gesagt haben: der Gickelhahn ist schuld. Kräuter soll, noch ganz von seinem Englandauftrag hergenommen, so Riemer, ein Leinertuch in kaltes Wasser getaucht haben, welches in einem Lavoir auf einem kleinen weißgestrichener Küchensessel am Fenster gestanden sei und das Leinentuch solange über dem Lavoir ausgedrückt haben, daß es Riemer wie eine Ewigkeit voigekommen sei, eine von Kräuter, so Riemer, tatsächlich ungeheuerlich in die Länge gezogene Zeit. Während Kräuter das Leinentuch über dem Lavoir ausdrückte, soll Goethe, schon ganz schwach, so Riemer, durch das offene Fenster in den Garten hinausgeschaut haben, während er, Riemer, die ganze Zeit unter der Tür der goetheschen Kammer gestanden sei. Goethe zu sagen, daß Wittgenstein nicht komme, habe er nicht die Kraft gehabt, so Riemer, und auch Kräuter hütete sich davor, Goethe diese entsetzliche Mitteilung zu machen, nie hätten sie beide gesagt, Wittgenstein sei längst tot. Und obwohl den Leuten um Wittgenstein Goethe unbekannt war, hatte Kräuter, um Goethe zu schonen, mehrere Male weil er danach gefragt worden war, Goethe geantwortet: alle kennen Goethe, alle. Darauf sei Goethe immer recht angenehm berührt gewesen. Goethe habe Riemers Eintreten in die Kammer zuerst nicht bemerkt gehabt und ganz ruhig zu Kräuter gesagt, daß, wenn er jetzt bestimmen könne, wen von allen, die ihm in seinem Leben (nicht: in seiner Existenz!) begegnet seien, tatsächlich von allen, er sich jetzt an seinem Bett wünschte, er nur den Namen Eckermann aussprechen könne, was uns, Kräuter und mich, so Riemer, naturgemäß überraschte. Bei dem Namen Eckermann, den Goethe aufeinmal wieder ganz ruhig ausgesprochen habe, sei Kräuter erschrocken und habe Goethe den Rücken gekehrt. Mir war diese Bemerkung als solche wie die eines Umnachteten vorgekommen, so Riemer jetzt. Kräuter, ist nicht Riemer da? hat dann Goethe plötzlich gesagt, worauf Goethe einen Blick auf mich geworfen hat, so Riemer, aber anders als sonst. Mir war klar, daß dieser zweiundzwanzigste der letzte Tag Goethes sei. Acht Tage wären seitdem vergangen, daß Wittgenstein gestorben war. Nun auch er, habe ich gedacht. Kräuter gestand mir später, auch er habe diesen Gedanken in diesem Augenblick gehabt. Kräuter hat darauf Goethe wieder sofort das naßkühle Leinentuch auf die Stirn gedrückt, auf diese abstoßende theatralische Art, so Riemer, die wir von Kräuter kennen. Und auch von Eckermann. Darauf, so Riemer, habe Goethe gesagt, daß er, indem er sich so groß gemacht habe, wie er jetzt sei, alles andere neben sich und um sich vollkommen vernichtet habe. Er habe Deutschland in Wahrheit nicht erhöht, sondern vernichtet. Aber die Augen der Welt seien für diesen Gedanken blind. Er, Goethe, habe alle an sich gezogen, um sie zu zerstören, im tiefsten Sinne unglücklich zu machen. Systematisch. Die Deutschen verehren mich, obwohl ich ihnen wie kein zweiter so schädlich bin auf Jahrhunderte. Kräuter verbürgt sich, daß Goethe diesen Ausspruch ganz ruhig getan hat. Ich hatte, so Riemer, die ganze Zeit den Eindruck, Goethe habe sich einen Schauspieler des Nationaltheaters zu seinem letzten Pfleger bestellt, indem er sich letztenendes an Kräuter gebunden hat und ich dachte, während er Kräuter so an der Seite Goethes agieren sah, wie er das Tuch auf Goethes Stirn drückte, wie Kräuter dastand, als Goethe sagte: ich bin der Vernichter des Deutschen! und gleich darauf: ich habe aber kein schlechtes Gewissen!, wie er Goethes Hand, weil dieser selbst nicht mehr die Kraft dazu gehabt hatte, etwas höher auf die Bettdecke legte, seinem, Kräuters Ästhetizismus entsprechend, so Riemer, aber doch nicht so, daß beide goetheschen Hände zusammengelegt wurden wie bei einem Toten, was selbst Kräuter als geschmacklos empfunden haben mußte, wie Kräuter schließlich mit einem Taschentuch eine Schweißperle aus Goethes Gesicht wischte und überhaupt eine solche widerwärtige Betulichkeit an den Tag legte, die ihn, Riemer, wenigstens treffen, wenn nicht tödlich verletzen sollte; daß möglicherweise gerade zu einem Geist wie Goethe, den wir als groß, ja wahrscheinlich sogar als den größten begreifen müssen am Ende, ein solcher verkommener Kräuter paßte, der die Niedertracht und die Scharlatanerie seiner selbst gerade an einer solchen Geistesgröße wie Goethe, wenn sie an ihrem Ende angekommen ist, auf das Entschiedenste zu steigern noch befähigt sei. Bis zum äußersten Grade des Verrats, so Riemer. Nicht im Elefanten wohnt Wittgenstein, soll Goethe immer noch gesagt haben, auch wie er selbst schon auf dem Totenbett gelegen war, sondern in meinem Haus, gleich neben meiner Kammer, Es gibt keinen andern, der dafür geeignet ist. Ich will Wittgenstein neben mir! soll Goethe zu Riemer selbst gesagt haben. Als Goethe dann starb, eben am zweiundzwanzigsten, dachte ich sofort, was für eine Schicksalsfügung, daß Goethe genau für diesen Tag Wittgenstein zu sich nach Weimar eingeladen hatte. Was für ein Himmelszeichen. Das Zweifelnde und das Nichtzweifeinde, soll Goethe als Vorletztes gesagt haben. Also einen wittgensteinschen Satz. Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur. Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht! An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute.