Oskar Negt/Alexander Kluge: „Geschichte und Eigensinn“

Von Walter van Rossum

Es sei gleich zu Anfang gesagt: dies Buch übersteigt ein Maß, dem hier rezensierend Genüge geleistet werden könnte. Allen vorfindlichen Qualitätsbegriffen, allen Rastern, Registern und Rubrizierungen entzieht es sich.

Freilich liegt gerade darin ein durchgängiger Zug, ein erstes, allerdings ungewöhnliches Qualitätsmerkmal: Dieses Buch unterläuft beharrlich fast alle vorgefaßten Erwartungen. Es unterläuft auch sein eigenes „Buchsein“: Wenn man es nur „anblättert“, entweicht die Würde aus diesem in blaues Leinen gekleideten Wackerstein; dann behauptet sich ein intendierter Eigensinn von mehrdimensionalem Text- und Bildlabyrinth gegen 1300 Seiten vornehmes, lachsfarbenes Bibelpapier.

Als Lesebuch ist es Theorie und erzänlt zugleich Geschichten. Als Bilderbuch unterhält es eine ganz eigene, vielfältige Beziehung zum Text. Die über – fünfhundert Abbildungen, Photos, Zeichnungen und dazugehörigen Unterschriften sind nicht bloß ein Illustrations-, sondern ein Bildrepertoire selbständiger Art. Den Eigensinn, den das Buch goldgeprägt schon im Titel auf seinem Rücken trägt, den trägt es auch in seinem Inneren aus:

Montagen aus Bildern und Texten

„Dieses Spielerische der Philosophiearbeit – gerade die kritische nimmt daran teil – ist die Bedingung für die Verflüssigung, das plötzliche Zerbrechen oder Aufweichen der autoritären Anordnung der Dinge, insbesondere der mit hoher Fiktion zusammengebauten Realität. Die Arbeitsweise der Sinne antwortet darauf. Es gibt einen materialistischen Instinkt, dieses übermächtige Realitätsgebilde zu anarchisieren, das Übermächtige in Witz zu zerlegen. Wenn Brecht Dialektik als ‚Witz der Sache“ definiert, dann ist dieser Witz die Entdeckung der Disproportion in der Sache selbst. Es ist eine elementare Wahrnehmungsweise: Komik, freie Assoziation, Erinnern, Antizipieren. Der Gegensatz heißt Schreckensstarre, Fixierung, Gefühlsballung, Dummsein.“