? „Gleichgewicht ist keine Friedensgarantie, doch ohne Atombomben wäre der 3. Weltkrieg vielleicht schon ausgebrochen“

Von Carl-Friedrich von Weizsäcker

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Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Weltmächten sind heute schlechter als seit zwanzig Jahren. Noch gravierender scheint mir, daß mehr und mehr Menschen in den Völkern skeptisch geworden sind gegenüber der Fähigkeit, ja sogar gegenüber dem Willen der Regierungen, den Frieden zu bewahren. Beide Vorgänge sieht heute jedermann. Als meine persönliche Meinung füge ich hinzu: Die Friedensbewegung in den Völkern ist nicht eine vorübergehende Panik. Sie wird vielmehr bleiben, sie wird wachsen. Denn sie ist, so nehme ich es wenigstens wahr, der Beginn der Erkenntnis einer seit langem verdrängten Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß der Friede weder durch das konventionelle noch durch das atomare Schwert jemals hinreichend gesichert war, und daß diese Sicherung, soweit sie bestanden hat, in einen Zerfallsprozeß eingetreten ist. Dies ist zunächst nur ein Empfinden, dem ich mich nicht entziehen kann; es ist soweit noch nicht das Ergebnis einer rationalen Analyse. Ich liefere nun einen Umriß der Analyse nach.

Es scheint einen „weltpolitischen Zyklus“ zu geben, eine logische Abfolge der politischen Beziehungen der Mächte. In den sechziger Jahren geschah der Übergang aus der feindlichen Bipolarität der Supermächte, genannt Kalter Krieg, zu einer mehr pluralistischen Struktur. Der Übergang entsprach der Logik der Machtpolitik. Der Kalte Krieg lähmte die Handlungsfreiheit beider Supermächte Dritten gegenüber, wie bei zwei Boxern im Clinch. Maos China und de Gaulles Frankreich lösten ihre eigene Politik von der der Supermächte. Später boten der wirtschaftliche Aufstieg Westeuropas, Japans und der Ölproduzenten, die islamische Renaissance, die Dominanz der Dritten Welt in den Vereinten Nationen weitere Beispiele für erfolgreichen Pluralismus.

Gerade dies aber hat zu einer kooperativen Bi-Polarität der beiden Weltmächte geführt, die man bald die Politik der Entspannung zu nennen begann. Beide Supermächte sind mächtiger, wenn sie sich aus dem Clinch gelöst haben. Aber man mußte erwarten, daß die kooperative Bipolarität wieder in feindliche Bipolarität übergehen würde, die Entspannung in einen erneuten Machtkampf. Denn die Entspannung war nur das vernünftige Arrangement in vermeidbaren Konflikten. Beide Mächte mußten eines Tages entdecken, daß die unveränderte Struktur der Machtpolitik sie dazu verurteilt hat, gegnerische Hegemoniekandidaten in einer dem Chaos zutreibenden Welt zu sein.

Den Augenblick, in dem diese Entdeckung die Weltpolitik wieder bestimmen würde, habe ich schon in den sechziger Jahren für den gefährlichsten Augenblick der kommenden Jahrzehnte gehalten; heute ist er eingetreten.