Von Hans-Hagen Bremer und Klaus-Peter Schmid

Bekanntlich ist Einmütigkeit nicht gerade die Stärke der Europäischen Gemeinschaft. Wenn man allerdings die Zehn danach fragen würde, wer unter ihnen der größte Sünder wider den Markt ist, dann würden mit Sicherheit neun Finger auf den gleichen Partner zeigen: Frankreich.

Kein Wunder, denn die Franzosen schleppen eine respektable protektionistische Tradition mit sich herum. Der geniale Einfall des königlichen Finanzministers Jean-Baptiste Colbert, die jungen Manufakturen des Landes durch Schutzzölle vor ausländischer Konkurrenz abzuschirmen, hat auch nach gut dreihundert Jahren noch seine Anhänger – nicht zuletzt in den Reihen der linken Politiker, die seit dem Sommer letzten Jahres die Regierung an der Seine bilden.

So wurden Italien, die Niederlande und die Bundesrepublik in den letzten Monaten bei der Europäischen Kommission vorstellig, um Klage über französische Absichten zur Abschottung des Marktes gegen ausländische Produkte zu führen. „Werden die französischen Grenzen jetzt für uns dichtgemacht?“ fragten wiederholt auch Industrievertreter in Brüssel an.

Anlaß zur Besorgnis boten in der Tat Pariser Pläne, die als „Rückeroberung des Binnenmarktes“ lanciert wurden. Das sollte zunächst vor allem für fünf Branchen gelten: Textilien, Schuhe und Lederwaren, Spielzeug, Möbel, Maschinen. Die französische Begründung: Gerade bei diesen Produkten sei der Anteil ausländischer Ware am inländischen Absatz besonders bedenklich.

Nach einer Studie der Staatsbank Société Generale werden heute 25 Prozent aller in Frankreich verkauften industriellen Erzeugnisse importiert, 1960 waren es dagegen erst siebzehn Prozent. „Dieser Rückgang des made in France auf seinem eigenen Terrain“, heißt es in der Untersuchung, „findet steigende Beachtung, vor allem wegen seiner Auswirkung auf Handelsbilanz und Beschäftigung.“

In der Tat ist die Importabhängigkeit Frankreichs beträchtlich, im Einzelfall hat sie sogar etwas Absurdes. Bei Schuhen und Lederwaren beträgt der Auslandsanteil 38 Prozent, obwohl das Land über eine lange Tradition in dieser Branche und über ausreichende Verarbeitungskapazität verfügt. Der entsprechende Anteil bei Möbeln ist zwar mit fünfzehn Prozent bescheidener; doch gleichzeitig ist nicht einzusehen, warum die Franzosen Holz exportieren, um es in Gestalt von Möbeln wieder zu importieren.