West-Ost-Berlin

Als erste siedelten sich Kaninchen an. In der Abenddämmerung hoppelten sie über die Wiese, knabberten an den Grashalmen – eine angenehme Abwechslung für die Autofahrer, die sich langsam von Kontrolle, von Schlagbaum zu Schlagbaum vorwärtsarbeiten. Die Kaninchen scheren sich nicht um sie, haben es nicht nötig, ihretwegen in ihre Löcher zu flüchten. Sie haben hier bisher keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht: am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in Berlin, den vor allem Westdeutsche passieren, die zum Tagesbesuch nach Ost-Berlin fahren. Die Kaninchen könnte man als lebenden Beweis dafür bemühen, daß der ehemalige Korrespondent Lothar Loewe unrecht hatte mit seiner Bemerkung, in der DDR schieße man „auf Menschen wie auf Hasen“, eine Bemerkung, die ihn seine Akkreditierung in Ost-Berlin kostete.

Eines Tages gesellte sich zu den Kaninchen am Grenzübergang eine Katze, eine grau getigerte Hauskatze. Niemand wußte, von wo sie gekommen war, ob aus dem Osten oder aus dem Westen der Stadt. Sie war da, saß in der Sonne auf der Wiese vor der Mauer (östliche Seite) und putzte sich. In einem der Betonkästen, um die die Autofahrer sich herumschlängeln müssen, bekam sie ihre Jungen: drei Stück an der Zahl, zwei getigert wie sie, die dritte schwarz mit einem bißchen Weiß. Es machte Spaß, ihnen zuzusehen, wenn sie auf dem Rasenstreifen vor der Mauer spielten, wie eben nur junge Katzen spielen können.

Obwohl sich das natürlich eigentlich nicht gehört. An so einem Ort. Ein Grenzübergang ist schließlich kein Katzen-Spielplatz. Bei dem Wort „Grenze“ sind wir gewöhnt, an anderes zu denken. Zum Beispiel an die 54 000 Selbstschußanlagen entlang der 1378 Kilometer langen Grenze von der Lübecker Bucht bis nach Bayern. Und auch wenn die Grenze Flüsse sind, sind sie nicht gemütlich, schon gar nicht für die Tiere, deren Lebensraum sie sind.

Bis zu 40 000 Tonnen Salzlauge schütten die Kaliwerke in Thüringen täglich in die Werra. Sie ist nahezu biologisch tot. Nicht viel besser geht es der Elbe. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse hat Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi an das Verantwortungsgefühl der DDR appelliert mitzuhelfen, den gemeinsamen deutschen Strom zu retten, weniger Schwermetalle, chlorierte Kohlenwasserstoffe in die Elbe einzuleiten, damit den darin lebenden Fischen eine Überlebenschance zu geben und dadurch zum Beispiel auch den Fischadlern, die von ihnen leben.

Nein, die deutsch-deutsche Grenze hat nichts Anheimelndes, nicht auf dem Land und nicht in den Flüssen. Sie gilt als lebensfeindlich, für Mensch und Tier. Und deshalb passen Kaninchen und Katzen nicht an einen Grenzübergang. Doch die Katzen an der Heinrich-Heine-Straße scheint das nicht im geringsten zu stören. Sie sitzen zwischen den spanischen Reitern und sonnen sich, und wenn es regnet, verkriechen sie sich hinter den Kästen. Nachts jagen sie Kaninchen. Manchmal machen sie sogar, Ausflüge zum westlichen Vorfeld des Grenzübergangs, so als wenn es diese Grenze gar nicht gäbe. Sie ignorieren sie.

Seit einer Weile ist die Katzenmutter verschwunden. Sie ist gegangen wie gekommen; niemand weiß wohin. Dafür hat sich offenbar bei anderen Tierarten herumgesprochen, daß es sich im Schutz der Mauer gut leben läßt: Rebhühner und Fasane sind die jüngsten freiwilligen Zugänge auf dem schmalen Wiesenstreifen, leben hier ungestört von Jägern und Touristen. Kaninchen und Katzen also, Rebhühner und Fasane, ganz zu schweigen von den Singvögeln, den – Mäusen und anderem kleinen Getier.

Natürlich kann ein Grenzübergang nicht unter Naturschutz gestellt werden, doch es sollte überlegt werden, ob nicht die Tiere, die sich in seiner künstlichen Ruhe wohl fühlen, gesetzlich geschützt werden könnten. Immerhin werden in die Betonkästen am Eingang des Übergangs Stiefmütterchen und Tausendschönchen gepflanzt, doch wohl mit dem Ziel, diesen Ort, an dem der Ost-Berlin-Besucher kontrolliert wird und Geld bezahlen muß, für das Auge erfreulicher zu machen. Wie viel mehr können das erst Kaninchen, Katzen und Fasane! Marlies Menge