Fast jeder Autofahrer weiß, was ein Geisterfahrer ist. Einem solchen Falschfahrer auf der Autobahn zu begegnen, kann unangenehme Folgen haben.

Doch was in der Nacht vom 26. auf den 27. März die Autofahrer auf den deutschen Straßen und Autobahnen zwischen Aachen und Basel erwartet, kann schlimmer werden: „Dann wird für ein paar Stunden die Hölle los sein“, prophezeien Experten. Denn Freitagnacht starten von allen guten Geistern verlassene Fahrer – irgendwo an der holländisch-deutschen Grenze – mit ihren hochgezüchteten Wagen zur „2. Cannonball Europe ’82“, einem privaten Autorennen auf nicht abgesperrten öffentlichen Straßen.

Welcher, Wahnwitz sich hinter dieser Veranstaltung verbirgt, zeigte das erste Rennen, das im letzten Jahr gestartet wurde. Das Siegerteam, der Kaufmann Rolf Maier aus Beverstedt und sein Co-Pilot Rüdiger Schwandt auf einem Spezial-Mercedes, schaffte die 3380 Kilometer lange Strecke vom Skagerrak nach Süd-Spanien in 20 Stunden, einer Minute und vier Sekunden. Das entspricht einem Schnitt von 168,5 Kilometern pro Stunde.

Um diese hohe Geschwindigkeit bei widrigen Staßenverhältnissen, bei Baustellen und auf Landstraßen durchzuhalten, darf man bei der Auslegung der Staßenverkehrsordnung nicht pingelig sein. Außerdem muß man Tricks auf Lager haben, um Polizeikontrollen möglichst ungeschoren zu passieren. So verkleidete sich ein Team als Priester, ein anderes führte eine Kühlbox mit Blutplasma bei sich. Der Gelsenkirchener Gastronom Walter Hudl brüstete sich gar damit, in seinem Porsche mit 220 Sachen durch den Zoll gefahren zu sein und dem Beamten an der französischen Grenze das Nachsehen gegeben zu haben: „Ich glaubender hat mich gar nicht gesehen.“ Und natürlich muß viel Bargeld an Bord sein – ein Teilnehmer berappte im letzten Jahr bereits 1230 Mark an Bußgeld, bevor er überhaupt nur ein Zehntel des Wegs zurückgelegt hatte.

Von 85 gestarteten Teams erreichten 78 das Ziel Marbella in Soattien. Sechs waren mit Motorschaden ausgefallen, ein Motorradteam verunglückte – es gab einen Leichtverletzten.

Die Idee zum „Cannonball Europe“ hat Veranstalter Jupp Schiunke aus Unteruhldingen am Bodensee aus den USA importiert. Die Überquerung des amerikanischen Kontinents von New York nach Los Angeles führt dort schon seit 1933 Autofreaks zusammen, die außer schnellen Wagen auch Ideen haben müssen, die strengen Tempo-6kontrollen zu überlisten.