Seit ich Januar 1972 in die Bundesrepublik kam, ist meine einzige Zeitung DIE ZEIT. Da ich mit einer anderen Zeitung keine innere Verbindung habe, wende ich mich an Sie, bitte Sie auch gleich, nicht böse darüber zu sein.

Ich bin fast 81 Jahre alt. Ich beziehe 552 Mark Rente. Um eine Kleinigkeit zu bekommen, nur Mietzuschuß, werden bei diesem Alter zum gesetzlichen Bemessungsbetrag 70 Mark zugeschlagen. Das soll nun wegfallen. Obwohl man wissen muß, daß man im hohen Alter nicht mehr alles selbst machen kann, beispielsweise Ofen kehren, Holz hacken, große Wäsche und dergleichen. Das muß bezahlt werden. Kann ich das nicht mehr, muß ich ins Heim. Das zahlt dann der Staat. Kommt dazu der Einkauf. Die Packungen sind meist für eine Person viel zu groß; soweit es kleine gibt, kosten sie ein Drittel mehr. Vieles verträgt der alte Magen nicht mehr. Es wird also teurer.

Alten Leuten im Heim kürzt man das Taschengeld auf 90 Mark. Weiß man nicht, daß alte Menschen nicht mehr gelenkig sind, also Fußpflege bezahlen müssen? Daß Kleidung gereinigt werden muß, daß man nicht ohne Friseur leben kann, da ja dummerweise die Haare immer nachwachsen? Fernseher oder Radio mal streiken? Man mal was zu trinken, braucht? Und sollten alte Menschen nicht doch auch mal etwas Obst haben, ein Fahrgeld, ein Blümchen für das Grab eines geliebten Menschen? 120 Mark wären nötig, aber 90?

Noch etwas ist mir unverständlich: die Kürzungen bei den alten Menschen und die Zahlung von Kindergeld an wohlhabende Familien. Das ist absurd. Ich weiß, daß CDU/CSU darauf bestanden. Wenn man dagegen nicht ankann, dann sage man das doch auch bei jeder Gelegenheit, so oft wie möglich! Weil es gar so „christlich“ ist!

Ein paar Worte über mich, weil ich so oft gefragt werde, wie ich zu der kleinen Rente komme. Es ist ja vor allem das hohe Alter, das davon betroffen ist. Wir hätten, sagt man uns, eben arbeiten sollen.

Ende des Ersten Weltkrieges war ich 17 Jahre und stand an einer Maschine, an die der Mann, der vorher dort gestanden, zurückkehrte. Neue Arbeit für mich, nein. Mit 24 Heirat. Dann Hitlers Verbot von Frauenarbeit. Im Krieg Kriegseinsatz bei 30 Pfennig Stundenlohn. Ausgebombt in München 1944. Umzug nach Weimar, Kriegsende, mein Mann, freischaffender Kulturhistoriker, wurde April 45 gerade 60 Jahre alt. Arbeit? Nein. Unsere Altersversorgung waren Grundbesitz in Dresden und private Versicherungen. Alles weg, auch die Wohnung in Weimar. Von 1952 an konnte ich arbeiten, aber da war ich 51 Jahre alt. Selber schuld? Das Millionenschicksal meiner Generation.

Was Sie nun mit diesem Brief machen sollen? Ja, das weiß ich auch nicht. Vielleicht ans Ministerium für Altenfürsorge, wenn es so etwas gibt? Ich weiß keine Adresse sonst dafür.

Margarete Jäger