Von Gerhard Storz

Dem biographischen Roman oder, nach französischem Brauch deutlicher gesagt, der romanhaften Biographie (biographie romancee) steht meist die schon vorliegende geschichtstreue Lebensbeschreibung gegenüber. Gilt doch das Interesse der Romanciers vornehmlich namhaften Personen. Aus diesem Nebeneinander gewinnt die romanhafte Biographie Reiz und Zielrichtung zugleich: Ihr bleiben die Lücken, die der Historiker mangelnder Überlieferung wegen lassen mußte oder die er unter dem Gesichtspunkt der Unwesentlichkeit ausgespart hat.

Das Private, das Intime an der historischen Figur ist also das Feld für die Erfindungskraft des Romanciers, und sie wird vornehmlich in seiner Fähigkeit zur Einfühlung, gewissermaßen zum Rollenspiel, bestehen. Zumeist scheint sie aus liebender Versenkung in die Geschichtsperson zu entspringen, seltener aus dem mesqinem Vergnügen, den Großen aus der Perspektive des Kammerdieners zu sehen. Das Trachten der romanhaften Biographie gleicht ein wenig dem Wechsel der filmischen Kameraführung: Sie will die durch den Geschichtszusammenhang entfernte Figur isolieren und „näher bringen“.

Ein besonderer und, sagen wir es gleich, heikler Fall ist die Romanbiographie, wenn nicht von Dichtern überhaupt, so zumindest von Lyrikern. Gewiß ist das Ich in Gedichten nicht mit dem persönlichen, tagtäglichen Ich des Dichters identisch. Doch wir vernahmen und vernehmen nun einmal zuerst und unmittelbar das Ich in seinen Gedichten, und dabei hat sich ganz von selbst unsere Vorstellung von seiner Person gebildet: das lyrische Ich ist uns zum persönlichen geworden, und wir wehren uns, wir haben Mühe damit, es gegen das wirkliche Ich der historischen Biographie oder gegen das anders getönte, noch persönlichere Ich der Romanbiographie einzutauschen. Im Fall Goethes hat Thomas Mann diese Schwierigkeit bewältigt: Das liegt, abgesehen von der Genialität, die sich in der Fassung des morgendlichen Selbstgesprächs Goethes bezeugt, an der Beschränkung auf einen einzigen Auftritt Goethes, auf das Tableau der personenreichen Mittagstafel.

Von der Weite in die Enge: wie steht es um die Möglichkeiten einer romanhaften Biographie von Mörikes Jugendjahren? Gleich zwei Romane liegen vor –

Hermann Lenz: „Erinnerung an Eduard“, Erzählung; Insel, Frankfurt, 1981; 220 S., 25,– DM

Peter Härtling: „Die dreifache Maria“; Luchterhand, Darmstadt, 1982; 122 S., 20,– DM