Musik, Musikerziehung und Musikfestival im Süden Kaliforniens / Von Heinz Josef Herbort

Aber die Erde war wüst und leer. Ein paar Meilen nur nördlich der Megalopolis Los Angeles, gerade noch ist man geruhsam im Strom der maximal erlaubten 90 Stundenkilometer auf dem vielspurigen Golden State Freeway stadtauswärts mitgeschwommen, ist dann irgendwo abgebogen und einfach so der Straße gefolgt – plötzlich hat die Bibel wieder recht: Hinter der nächsten Kurve um einen Hügel herum ist unversehens nur noch nichts mehr. Anfangs läßt die eine oder andere Brief-Box am Wegesrand vermuten, daß da irgendwo zwischen Büschen und Anhöhen ein menschliches Wesen sich verkrochen hat, dann bleiben allenfalls graubraunes Gelände, ein bißchen Gesträuch, hier und da etwas Wiese im Tal, etwas Wald auf den Hängen. Führe man immer weiter, hielte einen gewiß die Air Force auf, die hier in der Einöde die Columbia-Fähre erwartet – Las Vegas liegt 400 Kilometer weiter, hinter der Mojave-Wüste.

Ein gutes Stück Wüsten-Gelände am Rande des schier endlosen Einfamilienhaus-Teppichs im Los-Angeles-Becken kaufte sich ein Mann aus den Gewinnen seiner Zeichentrickfilm-Produktionen zusammen: Walt Disney. Man mag ja darüber streiten, ob die auf Zelluloid gemalte Bild-für-Bild-Kunst durch Mickey Mouse und Bambi, Schneewittchen und Alice avanciert oder doch eher korrumpiert wurde – was sich heute als deren Nachfolger auf ständig und gleichzeitig mindestens drei von acht oder mehr kalifornischen Fernsehkanälen abspielt und dort nicht nur für eine neue Ketchup-Variante oder eine noch günstigere Kreditform wirbt, sondern auch den Kleinen zwischen drei und dreiundachtzig die eine direkte Langeweile durch eine andere, weit schlimmere ersetzt, vermag durchaus eine gute Portion Kulturpessimismus zu erzeugen.

Ein Campus mitten im Nichts

Der Künstler selber war euphorischer, optimistischer. Er hatte eine Vision. Er träumte von einer Schule, in der junge Menschen die Künste nicht nur in einzelnen Sparten, sondern als ungeteiltes Ganzes erleben. Sie sollten es zudem nach Möglichkeit in der kreativen Einheit von Schöpfer und Interpret erfahren und erlernen. Die Vorstellung hat ihre Parallelen wie Verwandtschaften, in Wagners „Gesamtkunstwerk“ ebenso wie in der Folkwang-Idee. Diese Schule sollte nach Disneys Wunsch auf einem Teil seines Halbwüsten-Besitzes stehen.

Erste Konkretion 1961: Das Los Angeles Conservatory of Music (gegründet 1883) und das Chouinard Art Institute (1921) wurden vereinigt. Ehe jedoch mehr passieren konnte, starb Walt Disney, 1966. Sein Bruder Roy übernahm die Vision als schweres Vermächtnis, brachte auch von überall her die Enthusiasten zusammen, die zu einem totalen und risikobeladenen Neuanfang bereit waren. Man begann mit dem Bau eines ganz auf Funktion und Ziel des neuen Institutes ausgerichteten Komplexes und zog für die Übergangsphase in ein altes spanisches Gründerzeit-Anwesen am Stadtrand. Während aber einerseits ein Streik der Elektriker die Fertigstellung des Neubaus blockierte, zerstörte andererseits ein besonders schweres der dort jederzeit zu erwartenden Erdbeben im Februar 1971 die alte Villa Cabrini.

Die hauptsächlich betroffenen Musiker zogen als erste in den damals noch plastikverhangenen Torso des neuen Campus mitten im Nichts. Heute blickt man von den Terrassen, die die zweistöckig ineinander verschachtelten Studios und Ateliers umgeben, auf die für diese Region typische rechtwinklige Rasterstruktur von Valencia, einer Einfamilienhaus-Bettenstadt in progress, der jüngsten Ausweitung der sich immer weiter ins Land fressenden „Stadt“ Los Angeles.